Von Bernhard Weinstein

Waren im Werte von nicht weniger als 80 Millionen D-Mark hat nach neuen Meldungen eine Schmugglerbande in die britische Zone eingeführt – dies die größte derartiger, Affären, die seit dem Kriege aufgedeckt wurden. Ihre Hintergründe werden augenblicklich in Hamburg, London und Frankfurt untersucht, aber auch für diesen Fall gilt offenbar, was Eingeweihte über alle gewinnbringenden "Geschäfte" solcher Art sagen: die deutschen Schieber seien "nur" Unterverteiler ausländischer Schieber. "Im Großen können nur diejenigen schieben sagte ein Eingeweihter, "die wohl in Deutschland leben, aber nicht den deutschen Gesetzen unterstehen." Hier die vielseitigen Erfahrungen eines Spediteurs, der lange Zeit in seinem Lastwagen "Liebesgaben" für Ausländer in die DP-Lager gefahren hat...

Von einer Speditionsfirma in Frankfurt am Main, die, 1946 noch ganz klein, inzwischen mächtig groß geworden ist, hatte ich Auftrag, Ware in die Lager der Displaced Persons zu fahren. Mein Geschäftsfreund – er steht durch verwandtschaftliche Beziehungen in engem Kontakt mit einer honorigen internationalen Speditionsfirma, wobei sich jeder das Seine denken kann – mein Auftraggeber also händigte mir den üblichen Ladeschein aus, und ich fuhr. Das ist mein Geschäft als Spediteur. Seitdem Liebesgaben verzollt werden müssen, Ende Herbst 1948, erhielt ich außerdem für jede Fahrt eine Bescheinigung, daß die Ware ordnungsgemäß beim Zoll deklariert sei. Beispielsweise 100 kg Kaffee 160 DM Zoll plus 2 v. H. Umsatzsteuer, also 163,20 DM. – Jawohl, meine Ladung bestand meist aus Kaffee, Schokolade und Margarine. Gelegentlich gehörten auch einige Posten Schmalz, Kakao, Tee, Reis oder Seife dazu.

Als ich mehrere Male gefahren war, stellte ich mir natürlich die Frage, was mit meinen Transporten eigentlich geschähe; denn es mußte ein Blinder merken, daß soviel Liebesgaben in den Lagern gar nicht aufgezehrt werden konnten. Ich hielt die Augen offen. Allmählich lernte ich verstehen.

Meine Güter kommen regelmäßig im Transit nach Frankfurt für Rechnung verschiedener DP-Organisationen. Dies geschieht auf ganz normalem Wege; denn die Einfuhrlizenzen der JEIA liegen vor. Ich sah auch die Fotokopien der offiziellen Dokumente. Andere Ware für die Verschlepptenlager kommt aus Aachen oder direkt aus dem Ausland in den Lagern an. Sie hat immer die gleiche Kennzeichnung: Liebesgaben.

Verteilt wird die Transitware durch die Frankfurter Zentralen, die sich die DP’s sozusagen als Verschleppten-Selbstverwaltungsorganisationen gegeben haben. Von den vier Büros, die da in Frage kommen, lernte ich zwei kennen: das Nationalkomitee der DP-Lager und die Agudas Israel. Sie zahlen meinem Auftraggeber je Transport, den man durchschnittlich auf 12 bis 15 Tonnen veranschlagen muß, eine Gebühr von 2500 DM. Hinzu kommt eine Risikoprämie in Naturalien, die vor der Währungsreform 2 v. H., heute aber nur 1 v. H. des Transportwerke beträgt. Für beide Parteien ein dickes Geschäft. Ich zum Beispiel konnte zehn Tonnen laden. Das sind rund 167 Sack Kaffee.

Rechnen wir das einmal aus: Der Zoll für 10 000 kg Kaffee einschließlich Umsatzsteuer kostet 16 320 DM. Die Fracht mit 2500 DM müssen wir hinzuzählen; macht 18 820 DM. Die Einkaufskosten sind nicht zu kontrollieren, weil die JEIA die Umrechnungskurse für Liebesgaben bisher nicht bekanntgegeben hat. Nehmen wir einmal an, der Kaffee sei von amerikanischen Hilfskomitees wirklich geschenkt, und setzen daher nur die Transportkosten vom Ausland bis Frankfurt ein; greifen wir dabei sehr hoch und veranschlagen den Transport, in D-Mark gerechnet, auf 20 000 DM. Gut also, dann kosten die 10 Tonnen Kaffee den DP’s rund 40 000 DM.