Die Meteorologen der Wirtschaft haben es nicht leicht. Wo finden sie das Barometer, auf dessen Aussagen sie sich für ihre Prognosen wenigstens insoweit stützen können, daß ein plausibles Entweder-Oder dabei herauskommt? Vor Jahresfrist sollte ein Abbröckeln der Weizenpreise das ständige Schönwetter der Hochkonjunktur in den USA beenden, ein Wetterchen, das sich manchen Gegnern anhaltenden Sonnenscheins als so anstrengend erwies, daß es sie nach Wetterwolken lechzen ließ. Doch der amerikanische "Sonnenschein" strahlte weiter. Ohne durch diese Erfahrung sehr viel vorsichtiger geworden zu sein, wollen jetzt manche dieser Wetterpropheten die Senkung einiger Ölpreise mit einem Untergang der Boomsonne in Verbindung bringen. Eignet sich das Ölbarometer überhaupt für derartige Prognosen? Und wenn ja, deuten die Anzeichen tatsächlich auf einen allgemeinen Preiseinbruch?

Betrachten wir zuerst den Tatbestand. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren hatten sich die Kosten für den Ölverbraucher reichlich verdoppelt. Für den britischen Konsumenten von mittleren und schweren Ölen für industrielle Heizzwecke erwies es sich zum Beispiel, daß er für das Ausweichen von der – knappen – Kohle auf Heizöl preislich schwer büßen mußte. Der Preisrückgang im ersten Nachkriegsjahr wurde 1947 und in den ersten Monaten 1948 beinahe vollständig aufgeholt; mittelschweres Öl, das im Juni 1938 je Gallone 4 7/8 pence gekostet hatte, war im Februar 1948 auf 10 pence im Preise gestiegen. Das erste Zeichen dafür, daß der Höchststand des Ölpreisbarometers erreicht sei, kam im September 1948. Damals versuchten zwei unabhängige Ölgesellschaften in den USA, sich einen größeren Anteil an den Rohöllieferungen zu sichern, in dem sie zum Standardpreis von 2,65 $ je Faß einen Aufschlag von 35 cts bewilligten. Zu ihrem großen Erstaunen regten sich die großen Konzerne darüber nicht weiter auf.

Statt weiterer Anspannung der Preise kam nämlich zum 1. November für verarbeitete öle die Umwandlung der Festpreise in Höchstpreise, Damit war der Weg frei für die Senkung der Preise. Auf die erste zögernde Senkung des britischen Preises auf 9 3/4 pence Mitte November ist inzwischen Anfang Januar eine weitere Ermäßigung auf 9 1/4 pence gefolgt. Nicht verändert haben sich dagegen die Rohöl- und die Benzinpreise.

Und die Ursachen dieser – wohlgemerkt begrenzten – Preissenkungen? Da die "Nervenzentrale" für die internationalen Ölpreisbewegungen weiterhin in den USA liegt, muß man auch die Gründe vornehmlich dort suchen. Es handelt sich, ganz nüchtern gesehen, um eine Verschiebung im Verhältnis von Angebot und Nachfrage zugunsten der Verbraucher. Die Ölversorgung hat sich rascher gesteigert als der Verbrauch. Vor Jahresfrist sah es noch so aus, als ob man für einen Zeitraum von mehreren Jahren mit einer akuten Ölknappheit in den USA rechnen müsse. Jetzt hat sich das Bild dahin gewandelt, daß man die Förderung in Texas sogar um 10 v. H. drosseln konnte. Außerdem kommt von der Standard Oil, New Jersey, die Nachricht, daß sie ihre Öleinfuhren aus dem mittleren Orient um 50 v. H. kürzen will.

In runden Ziffern gesehen, hatte sich im vergangenen Jahre die Förderung in den USA um knapp 10 v. H. erhöht. Sie lag bei annähernd 5,6 Mill. Faß täglich. Der Verbrauch stieg um etwa 6 v. H. In den letzten Monaten hat außerdem der Bedarf für eine Reihe von verarbeiteten Ölen nachgelassen: der milde Winter ließ den Bedarf für private Heizzwecke (der in den USA eine sehr große Rolle spielt) hinter den Erwartungen zurück. Der, industrielle Konsum war gleichfalls geringer, wohl in Erwartung der Preissenkungen. Sie ließ sich aus der beträchtlichen Vorratsvermehrung der Ölindustrie – die in einigen Ölen bis zu 50 v. H. betrug – ziemlich genau vorausberechnen. Die so gern übertriebene Öl-"Krise" in den USA wurde auch dadurch noch schneller überwunden, daß die Einführen (hauptsächlich aus den im Karibischen Meer gelegenen Ölproduktionsgebieten) um 15 v. H. erhält und die Ausfuhren um etwa 20 v. H. gesenkt werden konnten.

Das sind die Tatsachen. Nun zur Eignung des Ölbarometers für Konjunkturprognosen: Die erwähnte Kürzung der Rohölförderung in Texas sollte bereits zu denken geben. Wohl wenige Wirtschaftszweige in den USA werden auf Grund der Erfahrungen im letzten Kriege so genau beobachtet, wie gerade die Ölwirtschaft. Und! daher ergibt sich aus der sofort vorgenommenen Einschränkung der Förderung der wohl berechtigte Schluß, daß nicht die geringste Absicht besteht, die Beseitigung einiger übertrieben hoher Preise für Heizöle auf den Rohölpreis ausstrahlen zu lassen. Die Konservierung der amerikanischen Ölvorkommen ist den beteiligten Instanzen weit wichtiger als eine Anregung des Ölverbrauchs durch weitere Preiskürzungen. Die normale Ausweitung des Verbrauchs in den USA dürfte auch 1949 anhalten; ein Ansporn dieser Ausweitung durch Auslösen oder auch nur Zulassen eines breiteren Preiseinbruchs scheint dagegen wenig wahrscheinlich. Wir haben es also mit einer "Barometernadel mit Gewichten" zu tun, die sich kaum für die Konjunkturmeteorologie eignen dürfte.

Für die europäische Wirtschaft ist es von Wichtigkeit, daß die ölpreisveränderungen zu gering sind und zu sehr unter Kontrolle stehen, um einen Maßstab für die Entwicklung, der Preise in den USA und in der Welt abzugeben. Es verdient aber auch erneut darauf hingewiesen zu werden, daß die "ölautarkie" von Nord- und Mittelamerika nach Ansicht sachverständiger Beobachter in den nächsten Jahren eher noch vollständiger sein wird als bisher. Die bekannten Ölvorkommen in den USA bekommen mehr und mehr den Charakter von Schonungen, in denen "Einschläge" nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des "Oberförsters" in Washington erfolgen dürfen. Die Bemühungen, die Ölvorkommen in den Meeresstreifen vor der amerikanischen Küste nicht den produktionslustigen Einzelstaaten am Golf von Mexiko, Texas und Louisiana, zuzusprechen, sondern sie unter die Kontrolle der Bundesregierung zu bringen, sind ein deutlicher Beweis für diese Konservierungspolitik.