Männeremanzipation

Von Kaethe Lübbert-Griess

Zwei Bücher: "Auf den Marmorklippen" von Ernst Jünger und "Das Glasperlenspiel" von Hermann Hesse haben in den letzten Jahren die Gemüter lebhaft in Wallung gebracht und manche Diskussion ausgelöst. Von der Kritik wurden beide als literarische Leistungen eigener Art anerkannt und hoch bewertet. Beiden gemeinsam ist der betont männliche Charakter – wenn sich auch die "Männlichkeit" von ihrem einen Pol, der "Tat", hier zu dem andern Pol, der reinen geistigen Abstraktion gewendet hat. In beiden Büchern auch wird das Heil einer klösterlich weltenthobenen Männergemeinschaft gepriesen. Es muß interessieren, zu hören, was eine Frau dazu zu sagen hat.

Was tun Männer, wenn ihnen schöpferisch nichts mehr einfällt, wenn sie die Kultur mit bombastischem Schwulst zu Tode propagiert und danach die halbe Welt zertrümmert haben? Dann gehen sie nach Kastalien oder, falls dort die Plätze an den exklusiven, geistreinigenden Instituten besetzt sind, ersteigen zum mindesten die Marmorklippen, und auch hier befinden sie sich in bester, geistiger Gesellschaft. Sie öffnen die Botanisiertrommeln, sie spießen die getrockneten Schmetterlinge der Wissenschaft auf, sie ordnen die trockenen, rationalisierten Bergblumen, sie schlafen in asketischen Klausen, sie steigern sich zu den geistigen Rängen einer strengen Hierarchie empor.

Wenn mein Sohn mich fragen sollte, wohin er gehen soll, würde ich ihm doch lieber die Marmorklippen zur Besteigung empfehlen, denn die geistige Höhentour nach Kastalien führt in eine dünne, stille Luft, in der kein Vogel mehr singt, und ich müßte fürchten, den Knaben früh vergreist zu wissen. Auf den Marmorklippen aber wächst noch ein wenig mehr des naturhaften Unkrautes und Getiers, ein Restchen des Paradieses hat sich hier erhalten, Schlangen sind zugelassen, Urmutter Evas Zaubertiere. Diese Zauberinnen bringen im Augenblick höchster Not Befreiung. Sonst aber sind komplette weibliche Wesen nicht vorhanden, denn in Kastalien und auf den Marmorklippen gilt die Frau nicht viel. Sie ist – vielleicht aus Gründen besserer Übersicht – fortgelassen; so wie es. Menschen gibt, die niemals an ihren Tod denken, so denkt man hier nicht an das Weib. Man ist ihm nicht gram, aber in seiner vollgültigen Gestalt ist es nicht mehr vorhanden, man hat es wegrationalisiert, just in einem Moment, wo ein enormer Frauenüberschuß eine naive, naturhafte Bedrohung am Sockel dieser Männerburg zu werden verspricht und die besten Aussichten dafür bestehen, daß ein vergreistes Kastalien demnächst von einem neuen Matriarchat abgelöst wird. Dieser Aspekt muß fast ein humoristischer genannt werden.

Von dem Werk dieser Männer wird gesagt, daß es der Lebenserneuerung diene. Fast könnten uns. diese Kastalier und Marmorklippenknaben gefallen. Wünschen wir sie uns zu Vätern unserer Kinder? Aber die Männer, in Kastelien heiraten und zeugen nicht, o Jammer. "Es ist in der Provinz Sitte" – hören wir "daß die Bürgertöchter nicht allzufrüh heiraten und in den Jahren vor der Ehe scheint ihnen der Student und Gelehrte als Geliebter ganz besonders begehrenswert." Ist dies das Bild der Frau, daß sich der Mann in seinem Dünkel von ihr macht? Sollten die Bürgertöchter es nicht als Zumutung empfinden, den verantwortungsbefreiten Elitejünglingen nur zur Lust zu dienen? Die vielverzweigte und fernöstlich fundierte kastalische Weisheit sieht das Weib in seiner Hoheit als Geschöpf, in seinem Heil als Lebensbringerin und in seiner Bedeutung im kosmischen Gefüge nicht ein. Auch ist in der pädagogischen Provinz kein Platz für die Frau als Gehilfin des Mannes. Es mutet grotesk an, daß Männer, die in der Emanzipation leben und den Blick für das Ganze der Schöpfung verloren haben, sich ausgerechnet mit der Erziehung von Kindern befassen wollen. Wir würden ihnen ebenso ungern wie Frau Designori ein Kind überlassen. Diese falschen Asketen sollten sich einem Vergleich mit echten Asketen nicht unterziehen, da ihre Lebensbemühung sich letztlich nicht auf Religiöses, sondern nur auf Ästhetisches richtet. Der junge Glasperlenspielmeister findet sehr früh selbst die treffliche Formulierung: "Das Ganze des Lebens ist ein dynamisches Phänomen, von welchem das Glasperlenspiel im Grunde nur die ästhetische Seite erfaßt." Und in seinem Nachlaß findet sich das Gedicht eines Geständnises:

"Im Leeren dreht sich, ohne Zwang und Not, frei unser Leben, stets zum Spiel bereit, doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit, nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod."

Auch die Marmorklippenjünglinge spielen fleißig mit Symbolen und haben in der Schule der Utopie einigen Erfolg gehabt, aber sie sind noch nicht so lebensuntüchtig, daß sie gleich einen Herzschlag bekämen, wenn sie in reifem Alter in einem kalten Gebirgssee schwimmen würden. Bei aller mütterlichen Sympathie, die man für einen solchen abtrünnigen Knaben wie den alternden Magister Ludi Josef Knecht empfindet, ist man doch geneigt, bei seinem meisterlich und erschütternd geschilderten Tode zu sagen: "Siehst du, das kommt davon. Das kommt davon, wenn Knaben sich ein Leben lang nur geistvollen und arabeskenzarten Spielereien hingeben." Jene Jünglinge nun auf den Marmorklippen dürsten ebenfalls im geheimen. Wir vernehmen: "Es gibt Epochen des Niederganges, in denen sich die Form verwischt, die innerst dem Leben vorgezeichnet ist. So weben wir in abgeschiedenen Zeiten oderin fernen Utopien, indes der Augenblick verfließt. Sobald wir dieses Mangels inne wurden, strebten wir aus ihm hinaus. Wir spürten Sehnsucht nach Präsenz, nach Wirklichkeit .. Von Erio, dem unerwünschten kleinen Knaben aus flüchtiger Verbindung, erzählt der berichtende Bruder: "Wenn ich ihn still an meiner Seite im Herbarium spürte, fühlte ich mich erquickt, als trügen durch die tiefe, heitere Lebensflamme, die in dem kleinen Körper brannte, die Dinge einen neuen Schein ..." Doch geht die Ahnung von der Lebenserneuerung nicht so tief, daß die Männer dieses kostbare Kind schützen, als der Kriegsführung jetzt auch in Hamburg gezeigt. Im folgenden äußert sich der Mitautor des Drehbuchs, Rolf Reißmann, über Wesen und Symptome des Fragenkomplexes, der in dem Film seine künstlerische Gestaltung erfahren hat.

Männeremanzipation

Daß jemand von einer Arbeit, einer Aufgabe besessen ist – das meinen wir hier nicht. Wir meinen jenen seltenen psychischen Zustand, wie ihn die Bibel kennt – jenen Zustand, der – laut Bibel – nur dadurch zu bannen ist, daß man "den Teufel austreibt". Er ereignet sich in der zivilisierten Welt selten – wir werden sehen, warum –, bei primitiveren Völkern um so häufiger, und gehört ohne Frage zu den interessantesten Objekten der Seelenkunde. Denn es geht um die Entscheidung, inwieweit auf eine Persönlichlichkeit eine zweite gepfropft werden kann – und wie ihr das bekommt.

Daß die Seele des differenzierteren Menschen spaltmütig ist – dieser Ausdruck stammt von Kretschmer und ist die Verdeutschung des Fachausdrucks "schizoid" –, gehört ohne Frage zu ihren besten Eigenschaften; denn nur ein Mensch, der von sich absehen, sich in die Seele eines andern hineinleben kann, sich hinter einer Maske zu verbergen vermag oder versucht, sich "objektiv" ein Bild von sich selber zu machen, besitzt schöpferische menschliche Souveränität. In jedem von uns lebt ein Ich der Sehnsucht, der erträumten Ideale, ein Ich des Trotzes, ein Ich des sentimetalen Ressentiments, ein Ich der Eitelkeit. Es mag vorkommen, daß die Idealpersönlichkeit die ursprüngliche Person vollkommen überwuchert, daß aus dem kleinen Mädchen die große Dame, aus dem Gastwirt der Hotelbesitzer wird. Meist verläuft dieser Prozeß unauffällig; nur selten treten Wunsch-Ich und Eigen-Ich in Konflikt – meist dann, wenn das Wunsch-Ich unversehens in Schicksalsnöte gerät.