Daß jemand von einer Arbeit, einer Aufgabe besessen ist – das meinen wir hier nicht. Wir meinen jenen seltenen psychischen Zustand, wie ihn die Bibel kennt – jenen Zustand, der – laut Bibel – nur dadurch zu bannen ist, daß man "den Teufel austreibt". Er ereignet sich in der zivilisierten Welt selten – wir werden sehen, warum –, bei primitiveren Völkern um so häufiger, und gehört ohne Frage zu den interessantesten Objekten der Seelenkunde. Denn es geht um die Entscheidung, inwieweit auf eine Persönlichlichkeit eine zweite gepfropft werden kann – und wie ihr das bekommt.

Daß die Seele des differenzierteren Menschen spaltmütig ist – dieser Ausdruck stammt von Kretschmer und ist die Verdeutschung des Fachausdrucks "schizoid" –, gehört ohne Frage zu ihren besten Eigenschaften; denn nur ein Mensch, der von sich absehen, sich in die Seele eines andern hineinleben kann, sich hinter einer Maske zu verbergen vermag oder versucht, sich "objektiv" ein Bild von sich selber zu machen, besitzt schöpferische menschliche Souveränität. In jedem von uns lebt ein Ich der Sehnsucht, der erträumten Ideale, ein Ich des Trotzes, ein Ich des sentimetalen Ressentiments, ein Ich der Eitelkeit. Es mag vorkommen, daß die Idealpersönlichkeit die ursprüngliche Person vollkommen überwuchert, daß aus dem kleinen Mädchen die große Dame, aus dem Gastwirt der Hotelbesitzer wird. Meist verläuft dieser Prozeß unauffällig; nur selten treten Wunsch-Ich und Eigen-Ich in Konflikt – meist dann, wenn das Wunsch-Ich unversehens in Schicksalsnöte gerät.