Man spricht sehr viel, doch weiß man wenig über ihn. Man spricht davon, daß jener Mann, für den "Frankreichs historische Grenze am Rhein liegt", in seinem Wagen ein Maskottchen mit dem Lothringer Kreuz de Gaulles hängen habe. Man spricht von seinen elf Reihen Ordensschnallen, von den auf seinen Befehl von Französischen Spezialköchen zubereiteten Imbissen aus den Tagen des Friedlichen Kontrollrats und von seiner Sommerresidenz bei Mainz. Man spricht schließlich seit gut drei Jahren von seiner Abberufung, Doch weiß man wenig über seine Laufbahn. Und das nicht ohne Grund. Denn in den fünfzig Lebensjahren des Général Armée, Commandant en Chef Français en Allemagne und Militärgouverneurs der französischen Zone Deutschlands findet sich manche Episode, an die er und die wenigen Eingeweihten mit höflich eingefrorenem Lächeln aber fest geschlossenen Lippen zurückzudenken pflegen. Schon mit dem Namen fängt es an. Mit einem deutschen Nachnamen: Marie-Pierre König.

Er selbst schweigt über seinen Geburtsort. Sicher ist, daß sein Vater ein Elsässer war. Seine Mutter stammte aus der Normandie, und dort, in Caen wurde der kleine Marie-Pierre ebenso sireng katholisch wie französisch erzogen. Blutjung kam er im ersten Weltkrieg zum Militär und erlebte den Waffenstillstand als Leutnant. Allein nach 22 Offiziersjahren als Infanterist und Alpenjäger bei den französischen Besatzungstruppen in Oberschlesien, an der Ruhr und in Marokko war er noch immer Hauptmann, als er sich zum alliierten Expeditionskommando für Narvik meldete. Seine Karriere stieg nicht gerade steil an. Das wurde anders, als er im Juni 1940 dich dem letzten Schuß in Frankreich von der Normandieküste in einem Fischerboot nach England übersetzte. De Gaulle erwartete ihn. In einem Jahr war Major König General. Aber niemand könnte entscheiden, ob die goldenen Sterne für den ehrgeizigen Offizier die schmerzlichen Kränkungen für den emigrierten Franzosen

aufwogen. Und derer waren es viele. Vor dem vichy-treuen Damaskus mußte er als Franzose gegen Franzosen kämpfen. Heftige Szenen mit General Giraud trugen ihm in Algier 15 Tage Hausarrest ein. Heikle Verhandlungen mit Eisenhower über die Beteiligung französischer Streitkräfte an der Invasion trafen zutiefst seinen nationalen Stolz, und als endlich die fremden Truppen sein Vaterland befreiten, durfte er als letzte Demütigung erst fünf Tage nach seiner Proklamation zum Militärgouverneur von Paris sein Amt tatsächlich aus den Händen eines US-Generals empfangen. "General König hat alle Bitterkeit des Lebens kennengelernt", so ungefähr soll einmal ein Offizier aus seiner näheren Umgebung gesagt haben. Er selbst redet nicht davon.

Die angelsächsischen "Vizekönige" Deutschlands haben ihre Hauptquartiere in den Ruinen Berlins aufgeschlagen. Der Zaunkönig", wie die Untertanen von Frankreichs Militärgouverneur ihn wegen eines leuchtend blau-weiß-roten Zaunes vor dem Hotelpalast Stephanie tauften, residiert in Von hier verteidigt der General mit der Hakennase, dessen Statur nicht weniger an Charles de Gaulle erinnert als seine politische Konzeption, die Prinzipien seiner Besatzungspolitik. Nicht nur gegen Deutsche. Nicht

auf gegen Russen, Amerikaner und Engländer. Auch gegen den Ouai d’Orsay. Das hintergründige Neben- und Gegeneinander von Pariser Emissären und gaullistischen Militärs in der Kapitale der französischen Besatzungsbehörden ist "est kein Geheimnis mehr. Zwar trug bisher Marie-Pierre König den Sieg davon – den immer wieder auftauchenden Meldungen von einer Abberufung folgte noch stets ein lakonisches Dementi – aber die Zeit scheint nicht für ihn. zu gleiten. Schon haben kluge Köpfe de Gaulle mit General Boulanger verglichen. Und je stärker in Paris die Position des Europäers Schuman wird, an; so einsamer fühlt sich der Soldat, der sein Leben lang nur ein Ziel kannte: der Trikolore zu dienen, um ihr zu Ruhm und Macht zu verhelfen.