Einen "Aufruf an Europa" nennt die europäische Marshall – Plan - Organisation ihr Verlangen nach Vierjahresplänen der 19 ERP-Teilnehmer, einen Appell, dem mit der Ausfertigung dieser Berichte entsprochen worden sei. Es ist in der Tat ein wunderbarer Rohstoff, den die Planungsexperten in 19 Ländern geliefert haben. Wer hätte bei Ende der Feindseligkeiten: in Europa vor weniger als vier Jahren zu prophezeien gewagt, daß 19 politisch voneinander abgeriegelte Einheiten Westeuropas so bald Unterlagen für ein gemeinsames westeuropäisches Erholungsprogramm ausarbeiten würden und – was noch viel wichtiger und wertvoller zugleich ist – daß sie ihren nationalen Beitrag einem internationalen Gremium, eben der Pariser Organisation, zur kritischen Überprüfung und zur Abstimmung auf ein gemeinsames Erholungsprogramm überlassen würden?

Dieser Rohstoff für eine übernationale Baufirma, diese 19 Berichte, sind jetzt mit einem kritischen Kommentar der OEEC an den Kongreß in Washington geleitet worden. Gegenüber diesem Erfolg besagt es wenig, daß die einzelnen Bausteine in der verfügbaren Zeit nicht mehr ‚genormt‘ werden konnten, daß der Lehm mit verschieden viel Wasser (und Häckselstroh!) gemischt worden ist und daß man für das angestrebte Haus der europäischen Wirtschaft zu ambitiöse Maße gewählt hat. Es wird niemanden ernsthaft überraschen, aus der Pariser Kritik der 19 Pläne zu erfahren, daß der größere Wegteil der Nachkriegserholung noch vor uns. liegt. Unangenehmer mag schon für manche europäische Optimisten die weitere Kritik sein, daß nicht ein höherer Lebensstandard für Westeuropa als im Jahre 1938 in Aussicht steht, sondern ein um 5 bis 10 v. H. geringerer Standards Aber sie werden darauf hingewiesen, daß Europas industrielle Monopolstellung der Jahrhundertwende seit Jahrzehnten im Schwinden ist und dieser Prozeß durch die beiden Kriege nur beschleunigt wurde. Rechnet man die materiellen Einbußen durch die Zerstörungen des letzten Krieges hinzu, so kann man weder eigene Anstrengungen noch auswärtige Hilfe in einem Umfange erwarten, der diese gegebenen Ausfälle bis zur Auslaufzeit der Marshall-Hilfe im Jahre 1953 kompensiert und darüber hinaus die Voraussetzungen für einen höheren Lebensstandard als 1938 schafft.

Was sollte das Ziel der addierten Einzelpläne sein? Sichtbare Ausfuhren von 10,6 Mrd. dazu unsichtbare Ausfuhren von 1,4 Mrd., demgegenüber Einfuhren von 12,8 Mrd. $ und somit ein Defizit von fast 1 Mrd. $ möchte Westeuropa erreichen. Jedoch weder die in Übersee verfügbaren Importgüter würden ausreichen, noch die denkbaren Märkte für europäische Exporte. Allein in Südamerika, dessen Aufnahmefähigkeit gegenwärtig, rückgängig ist, hat sich Europa eine Verdoppelung seines Absatzes auf 2 Mrd. $ errechnet. Dazu müßte man die Hälfte der nordamerikanischen Lieferungen nach Südamerika verdrängen. Ähnliches gilt für andere Märkte, Ausfuhren von 10 Mrd. $ erscheinen daher als eine realistischere Ziffer. Das dann entstehende Defizit von rund 3 Mrd. $ wäre jedoch untragbar – also auch von dieser Seite erweist sich die gewünschte Einfuhr als zu hoch.

Die Betrachtung der Produktionsziffern offenbart einen ähnlichen Optimismus; man geht von einer Steigerung der industriellen Produktion um 30 v. H. (ohne Westdeutschland um 25 v. H.) und der landwirtschaftlichen Produktion um 15 v. H. aus. Dies setzt eine Steigerung der Leistung je Arbeitsstunde um – nicht weniger als 15 v. H. voraus. Wird der europäische Arbeiter bereit und in der Lage sein, diesen Beitrag zu leisten? Die Ziffer mag beim Lesen nicht sehr eindrucksvoll erscheinen. Aber in der Wirklichkeit südländischer Lässigkeit, französischer Streiklust, europäischer Gewerkschaftstraditionen, auch in der Wirklichkeit überalterter Maschinen liegt das Kernproblem der westeuropäischen Erholung verborgen. Es ist nur gut, daß aus der Planungsarbeit ein so hoch gestecktes Ziel entsprungen ist. Doch es wird mehr als solcher Pläne bedürfen, um jedem einzelnen Europäer klarzumachen, daß 15 v. H. mehr Leistung als bisher erforderlich ist, um einen Lebensstandard zu erreichen, der noch ein wenig unter dem von 1938 liegt.

Mehr Kohle, Stahl und Maschinen aus europäischer Produktion, um eine Unabhängigkeit von Übersee zu erzielen; Verzicht auf eigenen Luxus, um begehrte Luxuswaren nach Übersee zu exportieren (und zwar zu sinkenden Preisen, um konkurrenzfähig bleiben zu können), Vermeidung jeglicher Inflationsgefahren, was ebenfalls Konsumverzichte bedeuten kann; Aufgabe traditioneller nationaler Produktionen, wenn ein anderes Mitglied der westeuropäischen Einheit besser in der Lage oder dringender darauf angewiesen ist, eine bestimmte Produktionsaufgabe zu erfüllen; das sind einige der wichtigsten Aufgaben, vor die wir uns gestellt sehen. All dies muß erreicht werden, während die begreiflichen nationalen Interessen darauf abgestellt bleiben, erstens die eigene Volkswirtschaft in sich so lebensfähig zu erhalten, daß sie von auswärtigen Versagern nicht entwurzelt werden kann und zweitens die eigenen Methoden zu erhalten, mit denen man glaubt, die besten Ergebnisse erzielen zu können. Dies umfaßt so polare Gegensätze, wie die straffe Planung der englischen Labour-Regierung und die weitgehende Ermunterung der privatwirtschaftlichen Initiative in Belgien – die beide nicht ohne beachtliche Erfolge sind. Irgendwo dazwischen liegt das marktwirtschaftliche Experiment der Doppelzone, zu eingeengt, um schon für sich sprechen zu können, anderseits bereits zu erfolgreich, um seinen Gegnern den Nachweis des Scheiterns zu ermöglichen.

Doch allen Fehlern und Schwierigkeiten zum Trotz glauben die Amerikaner fest an die Erfüllung dieser Aufgabe und damit an die Lebensfähigkeit Westeuropas. Das europäische Clearing, das wirtschaftliche Zusammenwachsen von Benelux, die ernsten Bemühungen um eine italienischfranzösische Zollunion, die Überlassung französischer Ölraffinerien (die Frankreich gegenwärtig nicht selbst auszunutzen vermag) an .England, der Austausch von Elektrizität zwischen verschiedenen Ländern, die bevorstehende Verschmelzung der skandinavischen Luftfahrtgesellschaften – das sind einige der ersten Meilensteine, die Westeuropa auf dem Wege zur Einheit passiert hat oder zu passieren im Begriffe ist. Auf derartige Meilensteine, von denen kaum einer bei Kriegsende in Sicht war, stützt Amerika seine Hoffnung. Diese Meilensteine dürften ihm als Beweis genügen, daß die bisherige Marshall-Hilfe nicht vergeudet war, daß die Bewilligung für das nächste Jahr nicht in ein Faß ohne Boden gehen, sondern vielmehr den Mörtel der europäischen Einheit schaffen hilft. Sollen wir in Europa weniger zuversichtlich sein als die Amerikaner?

E. G.