Es ist eine ebenso schwere wie notwendige Aufgabe, den musikempfänglichen und -bedürftigen Menschen unserer Zeit die Grundansicht vom Wesen der Musik nahezubringen, aif der die besten Bestrebungen des zeitgenössischen Musikschaffens beruhen. Diese Grundansicht ist keine neue Erfindung unserer Zeit; sie scheint es nur zu sein, weil sie seit vielen Generationen zum Teil an Geltung verloren hatte, zum Teil nur noch durch einen Schleier verunklarender Einflüsse erkennbar war. Sie herrschte aber unumstritten in früheren Epochen der Musikgeschichte, deren Größe und Bedeutung sich erst heute wieder unserer Einsicht enthüllt. Den vorläufigen Schlußstein jener Epochen bildet das Werk J. S. Bachs, das nicht zufällig daher auch die Orientierungsmarke für die neue Richtungnahme unseres gegenwärtigen Schaffens – nicht im Sinne einer Nachahmungsvorlage, sondern eines geistigen Wegweisers – darstellt. Das Wesen der Musik, wie wir es heute wieder sehen (jedenfalls sehen müßten und sollten!) ist tönende Selbstdarbietung einer geistigen Ordnung. Wogegen ihre Fähigkeit, auch Mittel des "Ausdrucks" für etwas Außermusikalisches zu sein – mag es sich dabei um religiöse, ethische, persönliche Werte oder um Gefühle, Affekte, Gemütszustände handeln – eine sekundäre Eigenschaft ist, ihr Mißbrauch zu Zwecken der Schilderung, der Malerei oder Allegorie aber schon Entwürdigung, Verfall.

Vor uns liegt ein Buch: "Johann Sebastian Bach" von Adolf von Grolman; Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1948. Sei es nur gleich gesagt: es ist eines der verblüffendsten Beispiele dafür, daß jemand über eine Sache sprechen kann, als sei er wie kein anderer dazu berufen – während man bei genauerem Hinblick entdeckt, daß doch nur so etwas wie "erleuchtete Monomanie" vorliegt, fern jeder Beziehung zu dem großen Ganzen, von dem der monomanisch erfaßte Gegenstand nur einen (wenn auch noch so bedeutsamen) Teil ausmacht. Dem Autor dieses Buches ist Bach nicht nur der Künder der reinsten und höchsten möglichen Erscheinungsform der Musik – was nach unseren heutigen Begriffen zweifellos zutrifft, obwohl dergleichen Wahrheiten mit größter Vorsicht ausgesprochen, mit nüchternster Sachlichkeit begründet werden mißten, sollten sie nicht Verwirrung in den Köpfen der Klarheit suchenden Leser stiften er ist ihm, bei Licht besehen, der einzige schlechthin, der den unanfechtbaren Namen eines Musikschöpfers ohne Einschränkung verdient. Gewiß: die Polyphonie ist die höchste Gestaltwerdung der Musik, und Bach ist ihr unerreichter Meister. Dennoch ist sie nicht die einzige hohe Erscheinungsform des Geistes der Musik, der sich vielmehr auch in anderen Gestalten tausendfach geäußert hat.

Aber Grolman lehnt diese anderen Äußerungen in Bausch und Bogen ab. Weil bei Bach die polyphonische Musikgesinnung mit einer tiefreligiösen Haltung zusammentraf, identifiziert Grolman ganz unbefangen Polyphonie mit Religiosität und mißt den Wert aller anderen Komponisten an dem Maßstab ihrer religiösen Substanz (wobei er vergißt, daß das polyphone Element der Musik wesentlich aus "weltlichen" Wurzeln zugewachsen ist). Man höre, welche Wertungen sich daraus – in Verbindung mit dem historischen Zurücktreten des polyphonen Elements im Verlauf der späteren Entwicklung – ergeben!

Gluck: "Zum Kontrapunkt reicht Glucks Kraft nicht mehr aus. Er versagt da, wo er hätte einsetzen können und läßt sich von seiner Melodienseligkeit weiter wegführen, als daß er die Fülle (wie Bach es tat) wieder gebändigt hätte." Haydn: "die Überfülle der Werke dieses liebenswürdigen Kleinmeisters" (!) "den man sozusagen einen Ludwig Richter der Musik nennen könnte, darf über deren bescheidenes Niveau nicht wegtäuschen". Mörzart: "wiewohl er Kontrapunkt und Fuge.meisterte, ist in seinem langen Leiden und kurzen Leben nichts erspart worden" (?!). Er ist ein "fruchtbarer Kapellmeister". "Einen soliden Satz, obligate Stimmen und eine kraftvolle Musik zu schreiben, unterläßt er". Mozarts Opern sind "trotz ihrer Längen und Inhaltslosigkeit weltberühmt geworden." Schubert: überläßt sich "gedankenlos dem endlosen Strom seiner immer amorpher werdenden Melodien". Beethoven: "Kein Wunder, daß Beethoven nur ein ,Revolutionär‘ blieb, wo eine ‚Kunst‘ hätte singen und klingen müssen. Und schließlich war Beethoven auch gegenüber Gottes Wort und Führung taub geworden." Grolman resümiert: "Der totale künstlerische Zusammenbruch aller nach-bachsehen deutschen Musik wird sich erst noch offenbaren." Zum Nachweis dessen muß natürlich der gefährlichste Gegenzeuge am grausamsten abgeschlachtet werden: Bruckner ist der Mann, der "hinter seiner Orgel schlechte Wagnersche Erinnerungen nochmals in Klavierauszüge preßte, die dann zu Symphonien sich fürchterlich und formlos ausweiteten". Ihm hilft auch die Frömmigkeit nichts – denn es ist eine andere als diejenige Bachs.

Solche Urteile nun freilich die der Monomanie in erschreckender Weise bloß; sie heißt ganz einfach: fanatischer Dilettantismus! Er hat seine einzige Parallele in jenem Wagnerianertum, das außerhalb seiner musikdramatischen Verzauberung sich schlechthin unempfänglich für Musik erweist. Auch Grolman zeigt sich außerhalb der badischen Sphäre einfach unempfänglich für Musik und unfähig zur sachlichen Beurteilung ihrer -Werte, ja ihrer kompositionellen Organisation.

Zugegeben: die Zitate sind aus dem Zusammenhang gewissen. Aber "so klingt das ganze Buch"; der Zusammenhang bessert hier nichts; auch in ihm haben die zitierten Sätze das Gewicht bewußt geformter Thesen. Dabei ist alles, was über Bach selbst, seinen Stil, seine Kunst, die ihm angemessene Aufführungspraxis gesagt wird, sehr gut, zutreffend und beherzigenswert. Aber hierin hatte der Autor viele ernsthafte Vorarbeiter, deren positive Erkenntnisse er nutzen konnte; deren (bei "Entdeckern" verzeihliche) Einseitigkeiten er aber ins völlig Absurde überspitzte: wahrhaft sachkundige Ästhetiker wie Albert Schweitzer, August Halm, Ernst Kurth und andere.

Ein solches Buch ist gefährlich, denn es erreicht das Gegenteil seiner aufklärerischen Absicht. Es raubt der berechtigten Seite seines Erziehungswillens jeden Kredit und macht gerade das zur Lächerlichkeit, was daran ernst genommen werden sollte und überzeugend zu wirken bestimmt wäre. Und woran sollte noch die Größe einer Erscheinung oder eines Stils zu bemessen sein, wenn es gar nichts gibt, was würdig wäre, damit verglichen zu werden?

Walter Abendroth