Man kennt die Namen Hamsun, Sigrid Undset, Svend Fleuron, aber sonst ist es nicht viel, was man in Deutschland von der nordischen Dichtung der Gegenwart weiß. Dichter wie die Norweger Olaf Duun oder Johan Falkberget sind in Deutschland kaum bekannt; ebensowenig findet man bisher einen ausreichenden Gesamtüberblick über die Literatur des Nordens. So war man gespannt auf das schmale Bändchen von Alexander Baldus "Nordische Dichtung der Gegenwart das jetzt (in zu dürftiger Aufmachung) im Verlag "Die Egge" (Nürnberg) erschien. Leider wird man enttäuscht. Denn außer einigen Namensaufzählungen, einer wegen ihrer Kürze sehr gewagten Verallgemeinerung (die Dichtung Dänemarks sei ästhetisch, die schwedische ethisch und Norwegens Schrifttum problematisch), außer einigen zumindest sehr zweifelhaften Urteilen wie das über Knut Hamsun, dessen Werk "im Letzten und Tiefsten auch schon einer vergangenen Zeit" angehöre, enthält das Buch keine einzige Stilprobe aus dem Werk der aufgezählten Schriftsteller des Nordens, deren Namen man ja allenfalls auch im Lexikon hätte nachschlagen können.

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"Land, Himmel und Nachbar nennt Lotte Mittendorf-Wolff ihre "Bilder aus dem Norden" – Skizzen und Erzählungen aus Schweden, die der Karl Mayer Verlag (Stuttgart) herausbrachte. Diese Geschichten aus Schweden, die um die erdgebundenen, schwerblütigen Menschen dort kreisen, wissen oft echte, seltsame Dinge zu berichten (zum Beispiel in der Erzählung "Das verwunschene Haus"): Ebenso oft ist aber diese Seltsamkeit von der Verfasserin nur gewollt (wie in der Erzählung "Ihr letztes Lied") oder allzu sehr aus der Perspektive des neugierig staunenden Großstadtmenschen gesehen. Wendungen wie "... und da war keiner, der nicht nach Norden gesehen hätte" oder "...so wahr ich Halvar, Sohn des Lars, bin..." sollte man lieber vermeiden. Sonst rückt man leicht in die Nähe des Hitlerjugenddichter Henrik Herse.

Ein bißchen wehmütig wird man schon, wenn man Fred Schmidts Buch "Von den Bräuchen der Seeleute" (das in zweiter Auflage bei Hans Dulk, Hamburg, erschienen ist) in die Hand nimmt. Es riecht nach See, Segeln und weiter Ferne, nach fremden Meeren und Ländern, nach lauter Dingen also, die für uns Deutsche heute so erschreckend abseits liegen. Aber es ist auch eine Freude, vom Verfasser in die schlichten und kräftigen, kaum repräsentativen, immer aber sehr beredten Bräuche der Seeleute eingeführt zu werden. – Sie sind ja schon ein merkwürdiges Volk, diese Fahrensleute, deren Heimat die See ist und deren seltsames Wesen am besten in ihren Shanties zum Ausdruck kommt, die von Mädchen und See, Gold in Kalifornien und Whisky berichten. – Fred Schmidt ist selber ein alter Seemann, und immer ist es seine Liebe zur See, zu den Schiffen und Seeleuten, die in und zwischen den Zeilen des Buches liegt und seinen Stil so warm, seine Berichte so interessant macht.