Wieder einmal sind die österreichischen Friedensverhandlungen in eine Sackgasse geraten. Schon in den ersten Sitzungen der Konferenz im Londoner Lancaster House zeigten die Außenminister-Stellvertreter der vier Großmächte wenig Neigung zu Kompromissen. Willrend der sowjetische Botschafter Zarubin erklärte, er werde die jugoslawischen Gebietsansprüche auf Kärnten und Steiermark unterstützen, beriefen sich die drei westlichen Vertreter erneut auf den Moskauer Großmächtebeschluß von 1943, wonach Österreich als unabhängiger Staat in seinen Grenzen von 1937 zu errichten ist. Die Unnachgiebigkeit der Großmächte in der Grenzfrage scheint dennoch diesmal nicht das Haupthindernis zu sein, weil sowohl Jugoslawien als auch Österreich zu verstehen gaben, daß sie in direkten Verhandlungen "im Interesse des Weltfriedens" eine Einigung erzielen wollen. Viel schwieriger erscheint neben einer Unzahl von Problemen die Regelung der österreichischen Reparationsfrage, von der vor allem die österreichische Souveränität abhängen wird. Denn ein Staat, der seine Naturschätze, Wasserwege, Industrien und Eisenbahnen nicht fest in der Hand hat und nicht kontrollieren kann, ist nicht souverän und würde sich wenig von dem heute besetzten Österreich unterscheiden. Die Sowjets aber wollen keineswegs einen solchen Einfluß auf Österreich aufgeben.

Der Kreml will kein souveränes Österreich. Wie wenig Stalin überhaupt an einer Lösung des österreichischen Problems liegt, zeigt seine Haltung in der Grenzregelung. Er setzt sich sogar für seinen ehemaligen Partisanenhäuptling in einem Zeitpunkt ein, wo er Tito sonst mit allen Mitteln erbarmungslos bekämpft. Durch solche künstlichen Erschwerungen verfolgen die Sowjets nichts anderes, als die konsequente Durchführung ihrer Außenpolitik – sie erringen neue Zugeständnisse für sich und verhindern gleichzeitig eine Gesamtlösung der strittigen Nachkriegsfragen. Für das kleine Österreich aber, das nur ein Objekt in dem großen Spiel ist, wird auch diesmal nur noch die Hoffnung auf einen späteren, anderen Versuch bleiben. B–w