Prozeß Kravchenkos gegen "Lettres Françaises"

Von unserem Pariser Korrespondenten Jean-Charlot Saleck

Zu Paris begann vor der 17. Strafkammer ein von der westeuropäischen und amerikanischen Öffentlichkeit mit Spannung erwarteter Prozeß, der allein schon deswegen einzig, in seiner Art ist, weil die französische Justiz bei seiner Vorbereitung sich bewußt der Verführung zur Verletzung eines siebzigjährigen Gesetzes schuldig macht, nach welchem es der Presse untersagt ist, die Debatten eines Verleumdungsprozesses zu veröffentlichen. Die Behörden haben nämlich durch die eigens für diesen Prozeß im Justizpalais hergerichteten Telephonanlagen alles getan, um der internationalen Presse die Berichterstattung zu erleichtern. – Neben zweihundert eingeladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft füllen seit dem 24. Januar, dem Tage des Prozeßbeginns, mehr als hundert Journalisten und eine Unzahl Pariser Anwälte, denen man den Zutritt nicht verwehren darf, den Verhandlungsraum. Drinnen die oft genug beschriebene Atmosphäre, draußen vor dem Palast Straßenabsperrungen und Kontrollen der Zulaßkarten.

Paris, Anfang Februar Um was es geht? Victor A. Kravchenko, der als Verfasser des berühmten Buches "Ich wählte die Freiheit" zeichnet, hatte die Redaktion einer französischen Wochenschrift auf Verleumdung verklagt. Soweit der Tatbestand. Aber stehen sich hier wirklich nur ein gekränkter staatenloser Autor und die sowjetfreundlichen Redakteure der Pariser Lettres Francaisese gegenüber?

Die politischen Leidenschaften, welche die Affäre Kravchenko schon vor dem Beginn der Verhandlungen entfesselt hat, ließen seit Monatenkeinen Zweifel, daß dieser Prozeß über den Rahmen der Justiz in die große Politik hinausweisen würde und daß er nichts anderes darstelle als eines der vielen Scharmützel, mit denen die Vereinigten Staaten und Sowjetrußland ihre Stellungen dort in Europa zu festigen suchen, wo die beiden Kolosse auf Sicherungen für eine gefahrgeladene Zukunft bedacht sind, und seien es nur Sicherungen ideologischen Charakters ...

Die Vorgeschichte

Im November 1947 veröffentlichte die der französischen Kommunistischen Partei nahestehende, wenn ihr nicht sogar völlig botmäßige Wochenschrift Les Lettres Francaises, die während der deutschen Besetzung von einer Gruppe der französischen Widerstandsbewegung als geheime Zeitung gegründet worden war, ein sensationelles "Dokument" unter dem Titel "Wie Kravchenko gemacht wurde". Gezeichnet war der Artikel mit "Sim Thomas". Die Redaktion gab diesen Verfasser als amerikanischen Schriftsteller aus. Sim Thomas versuchte in jenem "Dokument" darzulegen, daß Kravchenko keinesfalls der Autor des berühmten "Ich wählte die Freiheit" sein könne, weil ihm nachweislich die Begabung für eine derartige intellektuelle Leistung fehle, und daß einzig dieser Umstand und keineswegs die angegebene Furcht vor Ermordung durch Stalinisten der Grund für Kravchenkos absolute "Unsichtbarkeit" sei.