Der Abschluß eines Verteidigungsbündnisses zwischen den drei skandinavischen Staaten scheint jetzt stärker in den Bereich des Wahrscheinlichen zu rücken. Bei den ursprünglichen Besprechungen waren die Standpunkte Schwedens und Norwegens so weitgehend verschieden, daß es Dänemark nicht gelang, zwischen beiden Ländern zu vermitteln. Schweden will einen Regionalpakt, der alle drei Nationen verpflichtet, automatisch derjenigen zu Hilfe zu kommen, die von einer fremden Macht angegriffen wird. Schweden selber hat ein gut ausgerüstetes Heer, eine beachtliche Flotte, die heute jedenfalls der russischen in der Ostsee noch überlegen sein dürfte, und verfügt über eine glänzende Luftabwehr. Es will seine Mittel und seine Waffenfabriken zur Verfügung stellen, um die beiden anderen Bündnispartner auszurüsten. Norwegen hingegen glaubt, daß es nötig sei, einem größeren Verteidigungssystem beizutreten und sich des Schutzes von England und Amerika zu vergewissern. In Schweden sagt man, daß dies eine Großmachtpolitik sei, die kleinen Ländern nicht zukomme. Es sei verkehrt, die Sowjetunion annötig zu reizen. Sie werde sonst den Druck auf Finnland verstärken, dort möglicherweise Stützpunkte verlangen und die letzten Freiheiten, deren sich diese Nation noch erfreut, vernichten. Auch sei es nicht so, daß Norwegen innerhalb eines rein skandinavischen Bündnisses schutzlos sei.

In der Tat ist mit einem ernsthaften sowjetrussischen Angriff vom Norden und Nordosten her auf Norwegen und Schweden wohl kaum zu rechnen. Die riesigen dichten Wälder von Lappland sind ein ideales Partisanengelände, hier würde es an finnischen Freiheitskämpfern nicht fehlen. Ein gesicherter Nachschub für eine russische Armee wäre in diesen Wäldern sehr schwer durchzuführen. Das nordnorwegische Gelände ist gleichfalls für einen Angriffskrieg wenig geeignet, und Schweden hat nach der russischen Grenze hin sehr starke Befestigungen. Ebensowenig wird ein russischer Angriff von der Ostsee her auf die schwedische Ostküste einen dauernden Erfolg haben können wegen der Überlegenheit der schwedischen Flotte und des hohen Standes, der schwedischen Luftabwehr. So bliebe als einziges ein Angriff über Dänemark auf die südschwedische Provinz Gotland übrig; der allerdings könnte einen gewissen Erfolg versprechen. Dänemark ist schutzlos gegen sowjetische Angriffe sowohl auf dem Landwege über Schleswig-Holstein wie auch von der Ostsee her. Von Dänemark aus könnten die Russen die schwedische Provinz Gotland erobern; weiter allerdings werden sie dann so leicht auch nicht kommen, denn sie stoßen auf eine natürliche Sperre, die Seenkette, zu der Wenern, Wettern und Mälarn gehören und durch die nur wenige schmale Landzungen hindurchführen, welche die vereinigten schwedischen und norwegischen Truppen durchaus für längere Zeit verteidigen könnten. Norwegen selber ist also unmittelbar nur wenig gefährdet, Schweden sehr viel stärker, am meisten Dänemark.

Norwegen hat all dem entgegengehalten, Schwedens Mittel und Schwedens Waffenfabriken reichten bei weitem nicht aus, um die dänische und die norwegische Armee auszurüsten. Washington hat dieses Stichwort sogleich aufgegriffen und erklärt, Länder, die nicht dem Atlantikpakt beiträten, könnten mit Krediten oder Waffenlieferungen nach dem Pacht-Leih-System nicht rechnen. Der Riß zwischen der schwedischen und der norwegischen Auffassung schien dadurch unheilbar zu werden. Norwegen gab sich völlig der amerikanischen Lockung hin.

Auf der anderen Seite blieb die Sowjetunion nicht müßig. Sie fragte katzenfreundlich, aber so, – daß die Krallen nicht zu übersehen waren, in Oslo an, ob Norwegen fremden Mächten militärische Stützpunkte überlassen wolle, und als dies verneint wurde, bot der Kreml den Norwegern einen Nichtangriffspakt an, damit alles Mißtrauen auf beiden Seiten behoben werde. Nun, man weiß, was von Nichtangriffspakten mit totalitären Staaten zu halten ist, und so ist es nicht verwunderlich, daß man in Oslo über das sowjetische Angebot nicht gerade entzückt war. Zur gleichen Zeit aber standen in der gesamten finnischen Presse beschwörende Artikel, Norwegen möge doch dem Atlantikpakt fernbleiben, da sonst eine sehr harte sowjetrussische Politik zu befürchten sei. So, angesichts eines Druckes der Sowjetunion, der Beschwörungen Finnlands, der Warnungen Schwedens und auch der Zustimmung Dänemarks nicht sicher, flog Norwegens Außenminister Lange nach Washington.

Er verhandelte dort mit dem amerikanischen Außenminister Dean Acheson, und das Ergebnis war: lange Gesichter auf beiden Seiten. Offenbar sind auch die amerikanischen Kassen nicht so gefüllt, wie Lange es sich gedacht hatte. Zwar hieß es, Norwegen solle den Löwenanteil der für Europa bestimmten Waffenlieferungen erhalten. Wie groß aber diese Lieferungen sein können, darüber gibt das Budget der USA bisher keine Auskunft. Norwegens Außenminister dürfte von seinen Atlantikpakt-Träumen erheblich geheilt sein.

Im ganzen war die amerikanische Politik reichlich kurzsichtig und sie endete mit einem Prestigegewinn für Moskau. Man hätte besser getan, alle westlichen Regionalpakte zu fördern und materiell zu unterstützen und sich ebenso auch dem Mittelmeerpakt gegenüber zu verhalten, von dem kürzlich der türkische Außenminister Sadak sprach, der gleichfalls eine Teilnahme am Atlantikpakt abgelehnt hat. Wenn man aber den Versuch machen wollte, im skandinavischen Raum einen engen Bundesgenossen zu finden, dann hätte man besser getan, Dänemark, das nicht an Rußland grenzt, zu wählen und aus ihm ein ähnliches Bollwerk zu machen, wie es heute bereits mit Hilfe amerikanischer Luftgeschwader Großbritannien ist. R. Tüngel