Handel mit Europa spart Dollar – dies erscheint den Engländern als der wichtigste Vorzug des fünfjährigen Handelsvertrages, den sie mit Polen schließen konnten. Der Umfang des Abkommens ist sehr eindrucksvoll: Waren im Werte von 130 Mill. £ sollen über den gesamten Zeitraum in jeder Richtung gehandelt werden, darunter Frühstücksspeck und Holz, als Ersatz für dollarschwere kanadische Schweine und Baumstämme.

Aber auch Polen scheint sehr viel an diesem Vertrag gelegen zu sein, der England nach der Sowjetunion und Schweden zum wichtigsten Handelspartner machen soll. Besonders die polnische Landwirtschaft hofft, aus den vereinbarten Lieferungen eine stabile Grundlage ihrer Rentabilität ableiten zu können. Für die Specklieferungen hat sie sich verpflichtet, genau auf die britischen Wünsche einzugehen und ihre Schweinezucht den Bedürfnissen des britischen Frühstückstisches anzupassen, also Speck "nach Miß" zu liefern. Insgesamt 200 000 t Bacon wurden abgeschlossen, davon 20 000 t im ersten Jahre (das ist bereits das Doppelte der vorjährigen Lieferungen) und ansteigend auf 60 000 t im Jahre 1953. Dazu die Eier zum Speck: 160 Mill. im ersten Jahre und insgesamt 1 440 Mill. Stück, sowie zuzüglich 31 000 t Kühlhauseier. Weitere Lebensmittel werden in den verfügbaren Mengen erst später zu ermitteln sein.

Für Holz, den anderen wichtigen Ausfuhrposten Polens, hat man einen Gesamtwert von 25 Mill. £ vorgesehen. Ermutigt durch diesen Abschluß (und die Hoffnungen auf größere finnische Lieferungen) äußert die britische Holzwirtschaft bereits den Wunsch, die künstliche Förderung von Ersatzmaterialien (Stahl, Aluminium, Kunststoffe) aufzugeben und dafür größere Anstrengungen zu machen, mehr Devisen für das – jetzt wieder – auf den Weltmärkten verfügbare Holz zu finden. Doch noch neigt die britische Handelspolitik zur Vorsicht. Lebensmittel und Holz aus Polen sollen nichts Zusätzliches darstellen, sondern sollen die Dollarbilanz entlasten helfen. Wieweit allerdings Kanada sich auf Protestrufe gegen diese Umstellung beschränken wird, bleibt abzuwarten...

Die Befriedigung der polnischen Einkaufswünsche scheint manche Schwierigkeiten bereitet zu haben. Es ging natürlich nicht an, die Kürzung der Einkäufe aus Kanada in den von Polen gebotenen Waren durch entsprechende Kürzung der Lieferungen an Kanada auszugleichen – der Sinn der Dollarersparnisse wäre damit hinfällig geworden. Ein weiteres Hindernis stellte das ERP-Verbot dar, strategisch wichtige Materialien an Länder hinter dem Eisernen Vorhang zu liefern. Kupfer war ein typisches Beispiel. Den dringenden polnischen Wünschen stellte England den Hinweis gegenüber, daß es selbst Kupfer aus Ländern außerhalb des Sterlingblocks beziehen müsse. Es wurden daher nur geringe Mengen von verarbeitetem Kupfer zugesagt. Wolle dagegen ist ein "friedlicher" Rohstoff. England wird davon für 50 Mill. £ liefern und damit fast 40 v. H. seiner Verpflichtungen erfüllen. Auch Gummi scheint unter den – bisher nirgends genau definierten – Spielregeln des kalten Krieges ein erlaubter Tauschartikel zu sein. Die Sowjetunion hat bekanntlich im vergangenen Jahre große Teile ihrer Erlöse aus Getreidelieferungen nach England in Gummi umgesetzt und kürzlich ihre Gummikäufe in Malaya wieder aufgenommen. Polen soll im ersten Jahre seines Abkommens mit England 3 000 t und später sogar 5 000 t jährlich erhalten; Auch 20 000 t Rohöl sind vorgesehen und schließlich Produktionsmittel im Werte von 20 Mill. £, für die eine Kreditmarge von 6 Mill. £ aus dem alten englisch – polnischen Handelsvertrag übernommen wird.

Das politische Risiko dieses umfassenden Vertrages mit Polen wird in England nicht verkannt, andererseits jedoch mit Recht darauf hingewiesen, daß westeuropäischer Handel mit Osteuropa für beide Seiten eine Lebensfrage ist, für die man schon etwas "riskieren" muß. Für den Augenblick scheint auch die Moskauer Zustimmung für den in Warschau unterzeichneten Vertrag vorzuliegen. Allerdings hat Moskau – und nicht nur um sein Gesicht zu wahren – unmittelbar anschließend ein Zusatzabkommen zu seinem fünfjährigen Handelsvertrag mit Polen vom Januar 1948 geschlossen. Dieses Abkommen sieht für 1949 Lieferungen im Werte von 715 Mill. Rubel in jeder Richtung vor. Polen soll "gewisse Erze, Kohle, rollendes Eisenbahnmaterial und Textilien" liefern und dafür Eisenerz, Öl, Baumwolle, Chemikalien, landwirtschaftliche Geräte, Traktoren und Kraftwagen empfangen.

Die Ankündigung sowjetischer Kraftwagenexporte überrascht dabei übrigens die Fachleute keineswegs. Mitrechnet nicht nur in Osteuropa, sondern auch im Nahen und Fernen Osten mit nicht unbeträchtlichen Angeboten sowjetischer Kraftwagen. Die geplante Produktion von 75 000 PKW und 440 000 LKW im Jahre 1949 soll zu nicht geringen Teilen für den Export bestimmt sein. in.