Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Mitte Februar

Auf der Berliner Parteikonferenz der SED Ende Januar wurde das Stichwort ausgegeben: eine "Widerstandsbewegung" müsse ins Rollen gebracht werden. Nicht etwa Widerstand In der Ostzone, sondern Widerstand gegen den Auf- und Ausbau eines westdeutschen Staates. Von der SED-Tribüne hörte man die erstaunliche Kunde, man sei bereit, "ganz hinter die Sache zurückzutreten und alle Parteiegoismen zurückzustellen". Der "Volksrat", der nun schon seit Monaten ohne jegliche Funktion ist, da er seine deklamatorischen Aufgaben längst erfüllt hat, sollte Organ besagten "Widerstandes" werden, und es schien opportun, die nichtkommunistischen Parteihäupter der Sowjetzone vor die zwangsberufenen Massenversammlungen zu stellen. Die Nuschke, Dertinger und Kastner, die nun für ihren einmaligen Novemberbesuch in Moskau unentwegt zahlen müssen, schienen der Regie die zugkräftigeren Namen für diese Aktion.

Die Parteien dieser Berufenen reagierten darauf allerdings nicht ganz programmgemäß. CDU und LDP, die sich ohnedies in den letzten Monaten nur mühselig neben der alles beherrschenden SED-Diktatur hielten, erwachten noch einmal zum Widerstand. Einem Widerstand, den sie glauben, sich leisten zu können, weil er nicht unmittelbar die Beherrscher der Zone, sondern die Vorsitzenden ihrer eigenen Parteien betrifft. Beinahe triumphierend waren die Dertinger, Nuschke und Kastner zu ihren Landesverbänden nach Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg gezogen, um ihnen zu verkünden, nun sei in der Zone alles zum besten geordnet und die Willkürherrschaft der SED beendet. Die Zeit des Ausharrens habe sich gelohnt, die Stunde der eigenen politischen Chance habe geschlagen. Was noch hie und da Ärgerliches geschehe, sei auf das Konto der "kleinen Piecks" – diese peinliche Analogie leistete sich der CDU-Vorsitzende Nuschke – zu schreiben, die "von oben" her noch nicht genügend informiert seien.

Sosehr auch in den beiden alten Ostzonenparteien die obere Funktionärschicht immer wieder auf ihre östliche Verläßlichkeit überprüft worden ist – gegen diesen Zweckoptimismus der Rußlandreisenden setzte nun doch eine heftige Obstruktion ein. Selbst in Sitzungen, denen sowjetische Beobachter beiwohnten, wurde den von der SMA bestätigten Vorsitzenden nunmehr unverhohlen attestiert, daß sie nicht mehr im Auftrage ihrer Partei, sondern "einer Macht" sprächen. Der CDU-Zonen-Parteitag wurde immer wieder verschoben, weil die vielfachen internen Vorbereitungsgespräche keine Einigung zugunsten der der SMA genehmen Kandidaten erbrachten, und der für Ende Februar angesetzte Parteitag der LDP droht zu einer reinen Befehlsveranstaltung zu werden, da der Kandidat der SMA, der in der ostzonalen "Wirtschaftskommission" tätige Dr. Kastner, in seiner Partei nur auf eine minimale Zustimmung rechnen kann.

Die LDP, einst in der Sowjetzone die Zufluchtsstätte der antikommunistischen Kräfte, wird außerdem seit Monaten auch von anderer Seite speziell unterminiert. Hier liegt der außerordentliche Auftrag der "Nationaldemokratischen Partei", deren Agitation ausdrücklich gegen die LDP gerichtet ist, wie sie umgekehrt eine große Gruppe der unsicher gewordenen LDP-Funktionäre in ihre eigene, sich immer größer aufblähende Organisation einbaut. Sie ist, ohne je bisher eine öffentliche Legitimation durch Wahl oder Zustimmung erhalten zu haben, überhaupt das protegierte politische Kind der Besatzungsmacht. Es ist klar, daß diese Partei die virulenten "Nationalkomplexe" der Deutschen im Sinne der das Land besetzt haltenden Macht mobilisieren soll. Auch sie hat ihre Zeitungs- und Versammlungspropaganda völlig gegen "den westlichen Imperialismus" gerichtet und zäumt an den Beispielen des Ruhrstatuts, des Besatzungsstatuts, des Weststaates die gestrige Vokabel von "nationaler Ehre" mit beinahe überhitlerischer Lautstärke auf. Die beiden nichtkommunistischen Parteien der letzten drei Jahre werden also gezwungen, sich durch Persönlichkeiten repräsentieren zu lassen, die lediglich Sprachrohre der sowjetischen Politik sind, und die neue Partei darf sich des gesamten Vokabulars bedienen, das die Begleitmusik von Hitlers Krieg war. Die SED aber steht im Hintergrund: dies ist das Gesicht der "Widerstandsbewegung", die aus der Ostzone gegen den Westen zu Felde ziehen soll.