Tausend Jahre sind vergangen, und dann vier Jahre, die wie Jahrzehnte zählen, und da steht sie wieder auf einem deutschen Podium (der Hamburger Musikhalle) und singt, und ein Mikrophon ist da und eine Lautsprecheranlage, die dafür sorgen, daß man auch hört, was und wie sie singt, diese rotblonde Frau namens Zarah Leander. Schweden, wo sie ihr Filmgeld in einem Landgut anlegte, muß ein konservierendes Klima besitzen. Denn Zarah – im Gegensatz zu uns, die wir uns und unser Geld (falls solches vorhanden) in Deutschland lassen mußten – ist nicht älter geworden. Sie ist noch immer schön. Sie singt auch noch, als wäre nichts geschehen, im selben Ton wie einst dieselben Schlager (die Michael Jarys Tanzorchester mit dem robustglatten Ufaton von einst begleitete). Und über Zarah Leanders Gesang wird noch ein Wörtchen zu reden sein ...

Erik Krünes, der unvergessene Berliner Theaterkritiker war es, der zuerst von Zarahs Stimme erzählte, als er sie in Wien, der kurzen Vorstation zu Berlin, gehört hatte. Ach, er schwärmte. Sie singt nicht tonrein – das gab Erik zu. "Eine Spur drüber, eine Spur drunter, ein Spürchen, unmerklich und schrecklich aufregend." Und er schwärmte von ihrer tiefen, weichen Stimme als einem Erotikon allerersten Grades. "Wie alle Skandinavier", sagte er, "singt sie nicht nur die Vokale, sondern auch die Konsonanten. Man wird es ihr abgewöhnen müssen."

Später, als man Zarah Leander in Berlin und in vielen erfolgreichen Filmen vernahm, hörte sich das so an: "Der Win-n-n-d hat mir ein Lied erzählt, der Win-n-n-d." Man hat es ihr nicht abgewöhnen können. Aber die gleiche Eigenart hat es nicht nur privaten Spaßvögeln, sondern berufsmäßigen Kabarettisten leicht gemacht, sie zu imitieren. Tatsächlich wurde Zarah – kaum, daß sie nach Berlin gekommen und ihren besten Film "Zu neuen Ufern" gespielt hatte – fast unvergleichlich populär, und sie zu imitieren, brachte nicht nur Geld auf Kabarettbühnen, sondern wurde obendrein eine Art Brauchtum unter jungen Mädchen, die erotische Vorlagen suchten. Plötzlich kam es vor, daß diese Mädchen – vorher so keß in Berlin – statt "Wat denn, wat denn?" ein tiefes "Kom-m-m-m!" hauchten, ganz so, wie Zarah es ihnen vorgesungen hatte.

Aber kann sie denn überhaupt singen? Das musikalische Ohr hört: sie kann es nicht. Das Auge sagt: sie kann es nicht können, denn auch eben jetzt in Hamburg atmete sie ins lautverstärkende Mikrophon, während hinter ihr die Kapelle sozusagen persönlich spielte. Sie ist eigentlich nicht einmal eine Schauspielerin, denn ihre Gestik ist maniriert, und wenn sie mit einer Handbewegung irgendeine Phrase irgendeines Schlagers unterstreicht, vermag man noch heute die einstudierten Anweisungen des jeweiligen Regisseurs zu erkennen, in dessen Filmen damals diese Schlager zuerst erklangen. Was also kann Zarah Leander? Nichts? Erik Krünes hatte recht vorausgesagt: Sie besitzt eine Stimme, die, als die weichen, tiefen, erotischen Frauenstimmen modern wurden, unbedingt über alle den Sieg davontragen mußte, die noch die Kühnheit hatten, hoch zu zwitschern oder rein und klar – nämlich mit der Stimme und nur mit der Stimme – zu singen. Diese Stimme hat sie immer noch, und der Saal dröhnt von großem Publikumsentzücken.

Es gibt im Ausland Leute, die ihr das Unrecht antun und sagen, sie habe mit den Nazis paktiert. Welcher Unsinn! Sie hat Filme gemacht, sonst gar nichts. Es gab in den Ufa-Ateliers niemanden, der nicht wußte, welch vortreffliche Kollegin die Leander sei, grundanständig, grundgescheit und – was viel zählt angesichts ihrer großen Erfolge – gar nicht überheblich. Und auch daran ist nicht zu rütteln, daß es heute mutig und scharmant von ihr ist, die Deutschen jetzt zu besuchen, wo wir so gar keine Beliebtheit und kein Ansehen genießen, und uns ein paar Lieder vorzusingen, wenn es auch meist sentimentale Lieder sind, die uns erinnern, aber nicht trösten.

Diese Lieder gern zu haben und Zarah Leanders Art des Vortrags –: dies ist dann freilich eines jeden persönliche Sache. Laßt uns daher nicht nur für Zarah Leanders Persönlichkeit und ihre Beliebtheit Verständnis erwecken, sondern laßt uns auch für diejenigen plädieren, die, wenn sie die heißen Seufzer dieser Stimme gehört haben, nach Cocteaus berühmtem Wort die kühle Stelle auf dem Kopfkissen suchen, die kühle ...

Josef Marein