Die reichliche Ausgabe von "Konsumenten-Geld" bei der Geldneuordnung schien zunächst einen Vorteil zu haben: statt des fast allseits erwarteten Deflationsdruckes zeigte sich eine leicht inflationäre Tendenz mit dem positiven Vorzeichen einer Fast-Vollbeschäftigung – allerdings keine Vollbeschäftigung nach dem theoretischen Gedankengebäude eines Keynes, auf dem die Konjunkturpolitik der Welt heute aufbaut, oder nach den für England gültigen praktischen Vorschlägen des Lord Beveridge. Hierfür fehlt bei uns der "freie Austausch aller Produktionsfaktoren".

Wohl sagen Experten, daß eine Produktionssteigerung, und damit eine Zunahme der Beschäftigung, noch auf vielen Gebieten möglich sei. Aber Voraussetzung hierfür wäre eine Steigerung der Energieproduktion, also von Strom und Kohle, und eine stetige Zunahme von Einfuhren lebenswichtigen Güter. Das jedoch läßt sich, trotz aller anzuerkennenden Fortschritte, nicht von heute auf morgen verwirklichen.

Hinzu tritt die eigenartige Struktur des deutschen Arbeitsmarktes. Bei uns entscheidet nicht der wirtschaftlich richtige Arbeitsplatz. Bei uns entscheidet der Zuzug. Zudem gibt es bei uns Arbeitslose, die erst mit der Geldumstellung als solche in Erscheinung traten. Was das Arbeitsamt mit Strafen und Strafandrohungen nicht erreichte, schaffte das neue Geld. Am 30. Juni 1948. hatte die Doppelzone 12,21 Mill. Beschäftigte; am 30. September kaum weniger, nämlich 12,178 Mill. Die Zahl der Arbeitslosen aberstieg während dieser Zeit um 326 000 von 441 000 meist vorübergehend Unbeschäftigten auf 767 000. Hier kam mit der beginnenden Normalisierung des Wirtschaftslebens eine echte Kriegshypothek zum Vorschein: Personen, die nunmehr arbeiten müßten (aber meist nichts gelernt hatten) und für die eine lohnende Einschaltung in den Wirtschaftsprozeß nicht ohne Schwierigkeiten möglich war, zumal sich gleichzeitigdie Produktivität der Beschäftigten besserte. Bis Weihnachten blieb es, abgesehen von geringen Umschichtungen, bei diesen Zahlen. Nun aber ist die Arbeitslosenzahl sprunghaft auf fast 950 000 angestiegen.

Ein weiteres Anwachsen der Arbeitslosenziffer ist nach Ansicht der Verwaltung für Arbeit nicht zu befürchten, vielmehr glaubt man, daß im Frühjahr eine erhebliche Entspannung eintreten dfte. Ein großzügiger Plan sieht die Verwendung von Arbeitslosen zu Notstandsarbeiten (Regulierung von Flüssen und Ausbesserung von Wegen) vor.

Gliedern wir einmal diese 950 000 auf: Wir haben zunächst die erwähnte Hypothek als Kriegsfolge von zumindest 300 000 Personen. (Diese in den Arbeitsprozeß einzugliedern, kostet nicht nur Geduld, es kostet vor allem den festen Willen, sie zunächst einer Anlernzeit zuzuführen. Von den hinzugekommenen 200 000 Arbeitslosen des letzten Monats werden von Frankfurter Stellen etwa 100 000 mit Saisonbedingungen begründet. Den Hauptanteil dieser Zahl stellen in der Tat Baufacharbeiter und Bauhilfsarbeiter. Aber auch die Gruppen der kaufmännischen Berufe, des Acker- und Gartenbaues und sogar der weiblichen Hausangestellten weisen Zunahmen auf. Die stärkste Zunahme der Arbeitslosigkeit ist in Bayern festzustellen, dann folgen Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Württemberg-Baden, Hamburg und an letzter Stelle Bremen. Es muß dabei berücksichtigt werden, daß in Nordrhein-Westfalen und auch in Württemberg-Baden die Arbeitslosenzahl nach ihrem Höhepunkt im August 1948 erheblich abgenommen hatte.

Setzt man nun eine Reibungs-Arbeitslosigkeit von 400 000 Personen als "normal" ein, so verbleiben rund 150 000 Unbeschäftigte, die ihren Arbeitsplatz jetzt durch die Auswirkungen der Kreditrestriktion und durch die mittelbar daraus abzuleitende erhebliche Zurückhaltung aller Käufer schichten verloren haben dürften.

Dieser Entwicklung braucht durchaus noch kein Zeichen der Beunruhigung zu sein. Es kommt jetzt darauf an, recht viele arbeitslose Kräfte den Industriegebieten zuzuführen, die noch immer einen Bedarf haben. Und es kommt ferner darauf an, ob und wann die Bank Deutscher Länder eine gewisse Lockerung der Kreditbeschränkungen eintreten lassen will. Mit den Fragen wird man sich allerdings in diesen Tagen in Frankfurt bei der Wirtschafts- und Arbeitsverwaltung, bei der Bank Deutscher Länder und auch bei den Gewerkschaften recht ernsthaft beschäftigen müssen. W–n.