Diese beiden Roman-Fragmente zeigen den so vielfach begabten großen Künstler von einer neuen Seite. Ungewöhnlich geartet, machen sie es dem Leser nicht eben leicht, hineinzukommen in ihre Welt. Als Ganzes sind sie, wiewohl in ruhig atmendem, etwas zähem epischem Fluß, von aphoristischer Struktur, breit auseinanderquellend und manchmal strudelnd, durch eine Handlung kaum gebunden, recht eigentlich ungefüge – merkwürdig bei diesem Genie der Form oder vielleicht dadurch erklärbar: der Bildhauer bedurfte dieser Freiheit neben dem strengen Werken am Holz, er mußte wohl, einmal ungezwungen spielen, launig hinstricheln, was die Erinnerung ihm zugaukelte. Dabei verwandte er alle Liebe und allen Fleiß auf die Ausführung des Details, das einen realen Vorgang anschaulich darstellt und gleichzeitig durchleuchtet, ins Sinnbildliche steigerte Da wird im einzelnen ziseliert, vor allem sprachlich. Barlach veranstaltet ein wahres Wortfest, eine kaum unterbrochene Satzbau Feierlichkeit, an den Höhepunkten abenteuerlich, voll herrlicher Überraschungen, doch ohne einer Manier zu verfallen. Er bleibt bei aller Unge Ähnlichkeit doch einfach. Alles wächst aus dem, was ist. Das Ganze bekommt seinen inneren Zusammenhang vornehmlich durch die Person des Erzählers; Barlach gestaltet Erlebtes und schreitet selber durch die Welt seiner Figuren, schalkhaft vermummt, um sich nur um so rührender zu offenbaren. Um die Ergründung des Menschlichen geht es auch hier, vor allem aber um die Auslotung des eigenen Ich.

Im "Seespeck", 1913/16 geschrieben, schildern die ersten Kapitel sein Leben in Wedel und sind erfüllt von der Grundstimmung, aus der später "der arme Vetter" wuchs. Seespeck, Barlachsches Wesen in frühlingshafter Munterkeit, nischt sich unter die Menschen und treibt doch abseits dahin. Er sieht und wird selber kaum gesehen. Er ist noch nichts, schlendert durch niederdeutsche Landschaft, sitzt in Gasthäusern, knüpft Beziehungen an, ohne sich zu binden, bummelt und träumt dahin; schaut, durchschaut und staunt: Ein Suchender, der für Kommendes bereitet wird. Im letzten Kapitel, das im Mecklenburgischen spielt, wird ein Element zum Drama "die echten Sedemunds" breit und bunt ausgesponnen, volkstümlich humorig, noch erlebniswarm. Zwei mittlere Kapitel sind Däubler gewidmet. Barlach setzt dem Freund zu den vielen Denkmälern in Holz noch eins in Worten, und in was für welchen!

Im "Gestohlenen Mond" (1936/37) geschrieben) erscheint der Autor, maskiert als Herr "Wau", mit seinem Widerspiel, mit "Wahl", dem absolut Unpassenden, grotesk Kontrastierenden, der doch in gewissem Sinn sein Kompliment ist. Das Polpaar Wau-Wahl (eine höchst eigentümliche, ergötzliche Variante von Faust-Mephisto) bildet, das Hauptthema dieses Buches; es rankt sich, prächtig musiziert, durch krauses Kleinstadtgeschehen. Von hier aus wird so etwas wie eine Komposition spürbar mit zunehmender Verdichtung in der zweiten Hälfte. Der These Wau wirkt die Antithese Wahl entgegen, beide werden überwunden in der Synthese, die Barlach heißt.Das geschieht unter dem Leuchten eines reich gestuften Humors: bald melancholisch verblasen, bald bärbeißig zugreifend, bald schalkhaft, bald grimmig-grotesk. Ein Humor, der das Lachen anlegt, aber nicht ganz auslöst; bitter im Grunde, doch voll ruhiger Beherztheit. Er hat etwas Rührendes und Tröstliches, zeigt er doch das Bemühen, mit den Unvollkommenheiten der menschlichen Welt fertig zu werden. Es ist Barlachs Liebe zur Weltschöpfung, die sich hier dokumentiert, dieSicherheit seiner inneren Stellung, seine Lauterkeit und die Festigkeit seines Glaubens. Solcher Gelassenheit und Heiterkeit war Barlach fähig (in den ruhigen Abendstunden an seinem Schreibtisch) und in den beiden letzten Jahren seines Lebens, da man ihn so schmähte und mißhandelte! Wahrlich ein Sieg des Geistes über die Finsternis. (Beide Bücher im Suhrkamp Verlag, Berlin.) Paul Schurek