Mit einer gewissen Bitterkeit sagen die Berliner:"Die Westalliierten stehen uns näher als die Westdeutschen". Für uns "Westdeutsche", für die fünfundvierzig Millionen Bewohner der drei westlichen Besatzungszonen, ist das ein beschämender Ausspruch Noch vor nicht allzulanger Zeitkonnte man in Berlin immer wieder die bange Frage hören: "Werden die Amerikaner und Engländer Berlin räumen und uns im Stich lassen?" Heute spricht kein Mensch mehr von dieser Möglichkeit. Heute weiß jeder, daß Berlin für die Politik der Großmächte des Westens zur eigenen Sache geworden ist.Man wird dieser Haltung nicht gerecht, wenn man sie nur vom Prestige her deutet. Und es trifft auch nicht zu, daß allein die ’Berliner mit ihrer Entschlossenheit die Alliierten "gezwungen" hätten, in Berlin Auszuharren. Vielmehr ist hier ein echtes Bündnis entstanden, dem eine echte politische Entscheidung der Alliierten und der Berliner zugrunde liegt.

Alles an Berlin erscheint irreal, aber man darf sich nicht dazu. verführen lassen, hier einen Mythos suchen zu wollen. Es erscheint irreal, daß in dieser Stadt nun endlich die deutsche Zivilcourage entdeckt und historisch bewiesen worden ist. Es erscheint irreal, daß zwei Millionen Menschen durch die Luft versorgt werden. Und es erscheint am meisten irreal, daß beide – die Berliner Zivilcourage und die alliierte Luftbrücke – mehr sind, als nur Eintagsfliegen, daß sie den Weg in den Alltag gefunden haben und sich in ihrer Dauerhaftigkeit um so stärker und selbstverständlicher bewähren. Doch Berlin ist nicht Mythos, sondern Wirklichkeit. Berlin verdient es nicht, daß seine reife Nüchternheit durch propagandistische Töne entwertet wird. Die Berliner haben Stellung bezogen, eindeutig und unwiderruflich, und die Westalliierten haben in Berlin Stellung bezogen, gleichfalls eindeutig und unwiderruflich. Dem gemeinsamen Feind wird mit sehr verschiedenen und dennoch gemeinsamen Mitteln Widerstand geleistet. Die Verbündeten fragen nicht mehr: "Wie ist es zu alledem gekommen?" Sie fragen: "Was hat heute und morgen zu geschehen, um die Stellung zu halten?" Im Zeichen dieses Wirklichkeitssinns hat sich ein wechselseitiges Vertrauen ergeben, ein freimütiger Stil des Verkehrs zwischen Alliierten und finden schen, wie das westlich Berlins kaum zu finden ist. Der Belagerungszustand ist zum Normalhieraus geworden, und alle Belagerten haben hieraus die notwendigen Folgerungen gezogen.

Wir aber, die sogenannten "Westdeutschen", haben wir Berlin in gleichem Maße zu unserer eigenen Sache gemacht wie die Westalliierten? Sind wir, nachdem die "Berliner Krise" nicht mehr in den Schlagzeilen auf den ersten Seiten der Zeitungen zu finden ist, wach geblieben im Miterleben mit dieser Stadt, haben wir den Weg gefunden zu jener selbstverständlichen und alltäglichen Solidarität, die gerade im Stadium einer "Normalblockade" für uns gewiß nicht weniger geboten wäre als für die Westalliierten? Wir sollten ehrlich genug sein, zuzugehen, daß die Enttäuschung der Berliner über unsere Haltung nicht unbegründet ist, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn wir bei einem Vergleich mit Engländern und Amerikanern nicht allzu günstig abschneiden. Wie ist es denn? General Robertson und General Clay haben immer noch ihre Hauptquartiere in Berlin. Wir aber suchen in allen Himmelsrichtungen, nur nicht östlich der Elbe, nach einer Hauptstadt und zeigen sogar lebhafte Neigung, uns in Bonn, hinter der Verteidigungslinie des Rheins, hauptstädtisch zu verkriechen.

Westdeutschland, das ist allenfalls ein geographischer Begriff. Ein politischer Begriff Westdeutschland ist ganz und gar unbrauchbar. Wir sollten es uns ein für allemal abgewöhnen, von einem politischen Westdeutschland zu sprechen, wir sollten es als Beweis für ein eigenes Verschulden weiten, wenn die Berliner von uns im politischen Sinne als von den "Westdeutschen" reden. Politisch darf es nur Deutschland und die Deutschen geben. Solange uns die Einheit Deutschlands verwehrt ist, hat der in höchstmöglicher Freiheit geeinigte Teil unseres Landes als Kerndeutschland zu gelten, als nichts anderes. Westdeutschland bedeutet Sättigung und Verzicht. Kerndeutschland bedeutet die Verbundenheit mit allen Deutschen, die – vorläufig – durch Gewalt verhindert sind, mit uns im gleichen Staat zu leben, mit uns zum Gliedstaat eines Freien Europa zu werden.

Wahrhaftig, es gibt bei unszumal seit der Währungsreform, schon wieder Sättigungstendenzen. Scheint es nicht aufwärts zu gehen in einer altgewohnten und langentbehrten bürgerlichen Ruhe und Sicherheit? So manchem Vogelstraußpolitiker erscheint ein saturiertes Westdeutschland als die risikofreieste Form unseres Daseins. Und da ist schon Berlin ein bedenkliches Anhängsel, eine finanzielle und mehr noch eine politische Belastung. Man wünscht, von der Weltgeschichte dispensiert zu werden, man sehnt sich nach dem Idyll, nach der deutschen Hauptstadt, de unter Reben liegt. Wir fallen immer von einem Extrem ins andere. Zuerst hatten wir die "Heroischen", die um jeden Preis gefährlich zu leben begehrten. Jetzt haben wir die Idylliker, die um keinen Preis wirkliche Gefahren wahrhaben wollen.

Da gibt es ferner bei uns die seltsame Auffassung, Berlin sei nur eine Streitfrage zwischen den Westalliierten und den Sowjets. Das ist sehr einfach und entbindet uns von jeder Verantwortung. Allenfalls durfte manalso die Amerikaner und Engländer beschwören, Berlin nicht preiszugeben. Allenfalls kann man jetzt, da es offenbar feststeht, daß sie zu bleiben gedenken, die Luftbrücke als eine Leistung vermerken, die nicht mehr darstellt als eine verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Westalliierten. Sie haben sich ja diese Suppe eingebrockt, also geschieht es ihnen ganz recht, wenn sie sie wieder auszulöffeln haben. Wer so urteilt, hat Urlaub von der Wirklichkeit genommen. Berlin nämlish ist zunächt und vor allem wessen Handlungen, durch wessen Fehler die heutige Lage entstanden ist. Berlin ist nicht nur eine deutsche Stadt, die sich durch die Haltung, ihrer Bewohner in den letzten zwei Jahren den Anspruch, deutsche Hauptstadt zu sein, stärker verdient hat als vorher in zwei Jahrhunderten. Berlin ist außerdem der Pfahl im Fleische der Sowjets und der SED, Solange die drei Westsektoren Berlins frei bleiben, solange ist auch die Ostzone Deutschlands nicht ganz in der Gewalt der totalitären Mächte. Berlin strahlt aus. Seine Wirkung ist überall zu verspüren, westlich und östlich der Stadt, tief hinein in den sowjetischen Machtbereich. Ein Eiserner Vorhang um die drei Westsektoren herum ist ein Ding der Unmöglichkeit. So ist Berlin das einzige wirksame Bindeglied zwischen uns und der Ostzone. Und die Ostzone bleibt genau so unsere eigene Angelegenheit wie Berlin selbst, ohne Rücksicht auf ihre Entstehung Wir mögen noch soviel historische Kritik an den Alliierten üben. In der praktischen Politik haben wir Politiker und nicht Historiker zu sein.

Genau wie die Berliner und wie die Westalliierten in Berlin müssen wir jetzt so handeln, als ob dieBerliner Blockade ein Dauerzustand wäre. Die Bewohner Berlins erwarten anderes von uns als pathetische und zugleich unverbindliche Lobpreisungen, mehr als nur finanzielle Beiträge. Sie wünschen sichtbare Zeichen einer dauerhaften und selbstverständlichen Verbundenheit ohne "westdeutsche" Vorbehalte.