Von unserem Nahost-Korrespondenten

H. L. K., Kairo, im Februar

Der "kranke Mann am Bosporus" ist in diesem Jahrhundert noch niemals ganz gesund gewesen. Meist waren es außenpolitische Leiden, die die Türkei schwächten; das Jahr 49 nun hat eine innenpolitische Komplikation hinzutreten lassen. Anfang Januar erfolgte der seit Wochen vorbereitete Sturz der Regierung Saka. Formell trat das Kabinett zurück, weil das Parlament sich geweigert hatte, einen erhöhten Staatshaushalt und neue Seuern zu genehmigen. In Wirklichkeit aber hat die Regierung demissioniert, weil sie sich in eine ausweglose Situation hineinmanöveriert sah. Die neue Regierung Gunaltay, die am 16. Januar genau wie ihre Vorgängerin von der Republikanischen Volkspartei gebildet wurde, hat bis heute noch kein Programm formulieren können. Das aber entspricht nicht nur dem Charakter Shemsettin Gunaltays, der seine Karriere als "Hodscha" (moslemischerTheologe), Zeitungsmann und Abgeordneter begann und noch niemals ein Ministeramt ausübte, dafür jedoch eine um so umfangreichere Tätigkeit hinter den Kulissen, sondern es veranschaulicht die tatsächlichen Schwierigkeiten der Lage, denen nicht einmal ein Programm gerecht zu werden vermag. Der neue Premier hat eine schwere Aufgabe übernommen. Viele seiner Minister traten ihren Posten nur auf das Drängen des Staatspräsidenten Inönü hin an. Andere prominente Persönlichkeiten sollen sich überhaupt geweigert haben, ins Kabinett zu gehen. Sicher ist, daß die neue Regierung keinen außenpolitischen Kurswechsel vornehmen wird. Ihr nächstes Ziel ist hier augenscheinlich der Mittelmeerpakt, von dem Außenminister Sadak bei seinem Londoner Besuch sprach. Aber wie will sie mit den innenpolitischen Problemen fertig werden?

Die Bevölkerung verlangt umfangreiche wirtschaftliche und soziale Reformen und lehnt alle neuen finanziellen Lasten radikal ab. Die Regierung, die mit Mühe, und Not einen umfangreichen Militäretat unterhält, hat jedoch kein Geld. Ein türkischer. Wissenschaftler erklärte kürzlich, daß mehr als die Hälfte des Nationalvermögens, das sich zum größten Teil im Besitz der mittleren Klassen befände, als Gold gehortet und also nicht den Banken zur Verfügung gestellt wird, weil man der Regierung mißtraut. Die Folge ist ein sehr bedenklicher Kapitalmangel. Der zweite Fallstrick, über den das Kabinett Saka stolperte und den auch Gunaltay noch nicht hinter sich hat, sind die Intrigen in der eigenen Partei. Die absolute Mehrheit, die die Republikanische Volkspartei seit ihrer Gründung durch Atatürk im Parlament innehat, ist heute trotz ihrer 402 Sitze zu einer Fiktion geworden. Die Spannungen zwischen Extremisten und Gemäßigten in der Regierungspartei sind größer als die zwischen den drei Oppositionsparteien untereinander. Die Presse und die Opposition greifen die Regierung. rücksichtslos an.

So kommt es, daß die stärkste Oppositionspartei, die der Demokraten, auf einen Sieg bei den im nächsten Jahr stattfindenden Wahlen hofft. Nicht, weil sie in den zwei Jahren ihres Bestehens konstruktive Vorschläge gemacht hätte, sondern weil sie es mit jenem türkischen Weinprüfer hält, der, als er einmal zwei Flaschen probieren sollte, die eine entkorkte, schmeckte und sagte: "Die andere ist besser." Als man ihn fragte, wieso er das wissen könne, da er die zweite Flasche doch noch nicht einmal geöffnet habe, meinte er: "Nichts kann schlechter sein als diese."

Politische Beobachter sind jedoch schon heute überzeugt, daß keine andere Partei außer der Republikanischen Volkspartei eine Regierung mit so guten und fähigen Köpfen bilden könnte wie das Kabinett Gunaltay. Und wenn es ihm auf irgendeine Weise gelingen sollte, das drohende wirtschaftliche Chaos abzuwenden, dürfte dies nicht nur die Risse in der eigenen Partei kitten, sondern auch bei den Wahlen 1950 den Ausschlag geben. Mit etwas Glück, viel ernster Arbeit und guter Propaganda könnte der "kranke Mann am Bosporus" wohl wieder auf die Beine kommen.