Von Hjalmar Schacht

Der amerikanische Weg vom Hoover-Plan über den Marshall-Plan zum Truman-Plan ist konsequent und richtige Der Hoover-Plan legte die Unmöglichkeit der Reagrarisierung Deutschlands dar und stellte einen deutschen Industrieexport als unvermeidlich hin, wenn man Europa einschließlich Deutschland wirtschaftlich wiederherstellen wolle. Der Marshall-Plan dokumentierte den Willen Amerikas, die Hoover-Linie nicht nur theoretisch, sondern mit erheblichem finanziellem Aufwand praktisch durchzuführen. Er ließ aber die Frage offen, in welcher Weise der deutsche Export zu verwenden sei. Dagegen ging er psychologisch einen Schritt weiter, indem er den westeuropäischen Ländern die Aufgabe stellte, selber Vorschläge zu machen über die zweckmäßige Verwendung der vom Marshall-Plan dargebotenen finanziellen Mittel. Die große Hoffnung dabei war, daß die westeuropäischen Länder von sich aus und untereinander Mittel und Wege finden würden, um ein gesundes wirtschaftliches Mit- und Nebeneinanderleben zu ermöglichen. Dieses wirtschaftlich prosperierende Mit- und Nebeneinanderleben bildet die Voraussetzung für eine politische Gemeinschaft Westeuropas, ohne die der Frieda der Welt nicht erhalten werden kann.

Die erste große Enttäuschung für dieses wirklich groß angelfegte und von Wohlwollen getragene Vorgehen Amerikas war das Versagen der europäischen Länder bei der Aufstellung der geforderten Wirtschaftsprogramme. Jeder ein-Seine Staat war ängstlich bestrebt, aus der Marshall-Hilfe für sich selber das Möglichste herauszuholen. Die Rücksicht auf den Nachbarn spielte keine in Betracht kommende Rolle. Ja auch die Pläne für eigene wirtschaftliche Anstrengung waren/mit Ausnahme derjenigen Großbritanniens wenig überzeugend. Den Plänen von Sir Stanford Cripps kann die Anerkennung nicht versagt werden für den ungeheuren Ernst und Nachdruck, mit dem er an die eigenen wirtschaftlichen und psychologischen Kräfte seines Landes appelliert. Leider kann man das von den deutschen Vorschlägen nicht behaupten. Sie lassen nicht nur die Einheitlichkeit im Aufbau (vielleicht mit Ausnahme der Agrarvorschläge), sondern auch den psychologischen Elan vermissen. Was aber ganz, besonders in die Augen fällt, ist der völlige Mängel einer großen konstruktiven Idee.

Da stellt es denn dem guten Willen und der Beharrlichkeit der amerikanischen Politik das beste Zeugnis aus, daß sie, nach der Enttäuschung über die europäischen Vorschläge, selber mit einer konstruktiven Idee hervortritt. Präsident Truman hat dem Außenminister Acheson den Auftrag gegeben, ein Programm zu entwerfen, wonach die Weiterentwicklung der bisher wirtschaftlich unentwickelten Länder in das europäische Aufbauprogramm einzuarbeiten sein wird. Dieser Truman-Plan enthält in sich die Möglichkeit, die bis dahin im Marshall-Plan offene Lücke zu schließen, nämlich die Frage: Wohin mit dem europäischen Industrieexport?

Pläne wirtschaftspolitischer und wirtschaftstechnischer Art werden nicht aus der Luft gezaubert. Sie entstehen aus der geschichtlichen Erfahrung. Das Geniale solcher Pläne zeigt sich nur darin, daß aus der Erfahrung heraus neue und fruchtbare Anregungen gewonnen werden. Ein industrielles Europa gibt es seit vielen Jahrzehnten. Seit Jahrzehnten ist der Export verschiedener europäischer Länder weit über den Bedarf der eigenen Völker hinausgewachsen, zuerst in Großbritannien, dann in Belgien, Frankreich, der Schweiz und seit der Jahrhundertwende besonders in Deutschland. Der Exportüberschuß ging in diejenigen Länder der Welt, die noch nicht industriell entwickelt waren und die dafür mit ihren Naturprodukten zahlten. Solange dieser Absatz in die unentwickelten Länder ohne große gegenseitige Konkurrenz der Industrieexportländer vor sich ging, war alles in Ordnung. Es wurde anders, als die Konkurrenz der Industrieländer untereinander – stärker fühlbar wurde, was nicht ohne politische Rückwirkung blieb.

Eines ist jedenfalls sicher, wenn nicht die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts durch unorganische Konkurrenz ständig gesteigerten Absatzkrisen und die damit verbundene Arbeitslosigkeit der Industrieländer eingetreten wären, so würde die Aufrechterhaltung des Weltfriedens leicht möglich gewesen sein.

Wenig mehr als zwei Milliarden Menschen leben auf der Erde. Davon leben etwa drei- bis vierhundert Millionen in den industriell entwickelten Ländern und eine vier- bis fünffach größere Zahl in den weniger oder gar nicht entwickelten. Und die Länder des einen Fünftels sind nicht imstande gewesen, sich so zu organisieren, daß sie ihren Exportüberschuß an die übrigen vier Fünftel absetzen konnten, ohne sich gegenseitig zu gefährden oder zu ruinieren. Welch ein Sieg der Dummheit und des Neides über die Vernunft. Welch ein Triumph, wenn es über den Truman-Plan gelingen würde, Abhilfe zu schaffen.