Und einem solchen Östling wirft gleich zu. Beginn der Sitzung Maître Nordman vor, er sei "westlich" infiziert. (Maître ist die Anrede, die Advokaten und berühmten Autoren zukommt. Letzteren aber nur dann, wenn das Adjektiv auf sie zutrifft.) Denn ehe die Zeugen Kravchenkos aufmarschieren, die heute zum erstenmal zu Wort kommen, will der Anwalt der Lettres Françaises den Kläger vor der öffentlichen Meinung noch ein wenig bloßstellen und er fragt Kravchenko, auf welchen Namen und mit was für einem Paß er reise, wer überhaupt ihn, den Staatenlosen, wieder zu einer Person gemacht habe, ob er nach Amerika zurück dürfe und dort seine Steuern gezahlt habe? Aus jeder Antwort Kravchenkos zieht die Verteidigung den Schluß, daß Kravchenko, der von den amerikanischen Behörden einen Reisepaß auf den Namen Kedrine erhalten hat, ohne Zweifel der Schützling, ja der Liebling der amerikanischen Geheimdienste sei.

Und als solcher von dem Anwalt der Leute, die er verklagt hat, gebrandmarkt, sieht Kravchenko endlich den ersten der von ihm bestellten Zeugen vor die Schranken des Gerichts treten. Es ist der französische Hauptmann André Remy Moynet, Abgeordneter der Nationalversammlung, aus den verschiedensten Gründen ein populärer Mann, nicht zuletzt, weil er nach seinem Empfang auf der hiesigen Sowjetbotschaft den dort angetroffenen Chef der französischen kommunistischen Partei, Maurice Thorez, geohrfeigt haben soll. Der Fliegerhauptmann Moynet konnte sich das mehr oder weniger leisten, denn er hat die letzten Jahre des Krieges freiwillig auf russischer Seite in der berühmten Staffel "Normandie-Niemen" mitgemacht, besitzt hohe russische Orden und den Titel "Held der Sowjetunion", um den die Führer der französischen KP ihn gewiß sehr beneiden. Wer täte es nicht!

Nachdem er aufs nachdrücklichste die Kameradschaft der russischen Flieger gelobt hat, erklärt Moynet, was Kravchenko über die Zustände in Rußland geschrieben habe, scheine ihm die genaue Wahrheit zu sein und entspreche den Eindrücken, die er selbst dort gewonnen habe. Er schildert, wie mißtrauisch und verängstigt jeder Russe vber die Beamten und die Regierung spreche, wie lange es gedauert habe, bis das den französischen Piloten zugeteilte, sympathische russische Bodenpersonal gestanden habe, wie sehr sie sich nach Freiheit sehnten und daß sie hofften, diese nach dem Siege über Hitler durch den Einfluß der Amerikaner zu erhalten. Moynet schillert auch Selbstgesehenes, besonders die grausame Behandlung ziviler, nicht krimineller Häftlinge, die die Flugplätze walzen mußten. Aber eine der Bemerkungen des Hauptmanns ist der Verteidigung ganz besonders peinlich: Der große Unterschied zwischen der "Desertion" Kravchenkos und der des Chefs der KP Frankreichs sei der, daß Kravchenko zu den Amerikanern übergelaufen sei, die den gleichen Krieg gegen Hitler führten wie Rußland, während Thorez zu einer Zeit nach Moskau gegangen sei, als die Sowjetunion durch Stalins Pakt mit Hitler der "wirtschaftliche Verbündete Deutschlands gewesen ist". Die Goebbels-Presse habe den Fall Thorez damals weidlich gegen Frankreich ausgenutzt. Aufgefallen seien ihm auch die abgründigen Unterschiede des Einkommens der Sowjetbürger und die phantastischen materiellen Privilegien der Beamten sowie deren materiellen Macht.

Die Verteidigung der Lettres Françaises verliestdarauf triumphierend den Brief eines französischen Offiziers, der gleichfalls auf russischer Seite gekämpft und hohe Sowjetorden erhalten hat. Dieser bezeichnet Kravchenko als Verräter, bringt aber keine Widerlegungen dessen, was Kravchenkoüber das Sowjetregime geschrieben hat-

Der nächste Zeuge Kravchenkos ist ein französischer Ingenieur, der von 1909 bis 1946 in Rußland gelebt hat. Alles, was Kravchenkos Buch über die Verhältnisse in Rußland sagt, sei wahr, besonders die Kapitel über die grausame Ausrottung der freien Bauern und die Akkordarbeit. Er illustrierte diese Bestätigung mit ausführlicher Beschreibungen seiner eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, aus denen er schließt, daß einzig das tyrannische Regime die Schuld an den unglücklichen, empörenden Verhältnissen in Rußland trage. Er selbst habe es als Ausländer beneidenswert besser gehabt als die Russen, unter denen er dort lebte.

Ukrainische Bauern

Nach diesem Zeugen führt Kravchenko uns ein ukrainisches Bauernpaar vor, das man aus einem DP-Lager in Deutschland hergebracht hat. Die Frau schildert unter Tränen, wie man sie als "kapitalistische" Bauern, als Kulaks, behandelt habe, obwohl sie, nur im Besitz von fünf Hektar Land, einer Kuh und zwei Pferden, ihr Gütchen ohne bezahlte Hilfskräfte bewirtschafteten. Was sie vorbringt, deckt sich durchaus mit Kravchenkos Buch ohne eingelernt zu wirken, denn sie schildert dem Gericht Dutzende persönlicher Einzelheiten, wie sie nur der köstliche Volkserzähler Leskow erfinden könnte, wenngleich die arme Frau uns nichts zum Lachen bietet. Ohne sich dessen bewußt zu sein, gibt uns Olga Marchtenko die tragische Vision des Kampfes, der sich damals zwischen den rationalen Methoden des importierten Marxismus und der gefühlsgebundenen Tradition des Bauern in Rußland abgespielt hat. Als de sich wieder in den Saal zurückziehen darf, besitzt sie die Unschuld, einen Platz ausgerochnet neben dem kommunistischen Exminister Grenier zu wählen.