Es ist eigentlich schade, daß Georg Christoph Lichtenberg, der so lange vergessen gewesen,seit einigen Jahren beinahe in Mode gekommen ist. Man mag gegen ihn sagen, was man will – aber von einer Welt, wie der heutigen, geschätzt zu werden, das hat er nicht verdient. Sie mißversteht ihn durchaus, diese heutige Welt, wenn sie meint, er wäre Geist von ihrem Geiste. Nur weil er, ein Vorwärtsblickender und Wegweiser in seiner Zeit, die große Zukunft der Naturwissenschaft und der Technik heraufkommen sah und mit Oberzeugung propagierte! Weil er die Lange seines Spottes auf alles Sentimentale, Unklare, Verquere und Verkrampfe ausgoß, den Geniekult des "Sturmes und Dranges" verhöhnte und überhaupt das Urbild des modernen Satirikers war! Aber daß seine Lust an der Kritik, die vor der eigenen Person nicht haltmachte, nicht nur einem unersättlichen Spieltrieb entsprang, daß sie vielmehr noch die Kehrseite eines hochentwickelten Wahrhaftigkeits- und Sauberkeitsbedürfnisses, ja, einer dem eigenen schärfen Verstände widerstrebenden tiefen Religiosität war, das konstatiert man heute wohl theoretisch, aber man fühlt nicht die fundamentale Bedeutung dieses Sachverhalts. Man nimmt als skurrile Widersprüchlichkeit einer selbst verschrobenen Natur, was durchaus einer menschlichen Ganzheit gemäß war.

Freilich war dieser sprühende, einfallsreiche und witzige Kopf eine Erscheinung zwischen den Zeiten. Aber auch über den Zeiten. Was bei ihm als Widerspruch zwischen Rationalismus und Mystizismus erscheint, war die wachgebliebene Ahnung, daß auch das Zeitalter der Wissenschaft, des nüchternen Tatsachendenkens, nicht alle Geheimnisse lösen werde, sondern daß dieses Denken, an seinen Grenzen angelangt, wieder die Sinnbilder der Religion berühren und in neuem Lichte als Wahrheitswerte erfassen werde. Eine Ahnung freilich, nicht mehr. Aber die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft sind der Bestätigung dieser Ahnung sehr nahe gekommen.

Lichtenberg, am 1. Juli 1742 als Sohn eines Pfarrers bei Darmstadt geboren, war den größten Teil seines Lebens Professor der Naturwissenschaften in Göttingen, wo er auch am 18. Februar 1799 starb. Seine Verdienste um die Entwicklung der Physik sind in die Geschichte dieser Wissenschaft eingegangen Aber sie treten in dem Gesamtbild seiner Persönlichkeit zurück hinter den Dokumenten seines geistbestimmten Menschentums. Es sind nur Fragmente, Aphorismen, Philosopheme, Gedanken und Gedankensplitter, die er hinterlassen hat. Aber in ihnen birgt sich eine unübersehbare Fülle des Erlebens und Schauens. Er war kein Mann des "Werkes", sondern des Beobachtens, Sehens. Registrierens und Experimentierens; ein beruflicher "Zuschauer des Lebens". Sein eigentlicher Arbeitsplatz war das Fenster seiner Wohnung, von dem aus er die Menschen beobachtete und sie in seine Gedankennetze einfing. Dem britischen Untertan (Göttingen War ja die Universität des Landes Hannover) und Erzieher englischer Prinzen öffnete sich auch der Weg nach England. Seine Briefe von dort sind Fundgruben für den Kulturhistoriker. Auch dort sah er alles, was es zu sehen gab, schaute, notierte, durchdachte, was ihm begegnete.

Dem Tatmenschen Goethe, dem abgeklärten Weisen, konnte dieser – immerhin – sprunghafte Geist wohl Anerkennung, aber keine ungeschmälerte Bewunderung abringen. Doch blieb er der Liebling aller Genießer des Denkens, aller Freunde treffenden Urteils und spezifisch philosophischer Naturen, ja, der größten Philosophen.

Scherz, Satire und Ironie auf dem Grunde tiefen und letzten Ernstes – das ist das Kennzeichen Lichtenbergs, dessen Wesen dem harmlosen "Spaßvogel" oder hausbackenen Altweiberhumor ebenso fern steht wie der kalten Krittelsucht des hochmütigen Intelligenzlers. A.