Von Erik Orion, Worcester

Der Durchschnittsengländer oder Franzose ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß er sich die Mühe machen könnte, eine klare Vorstellung deutscher Verhältnisse zu gewinnen. "Es ist ja wohl doch nicht so schlimm, es wird wohl viel übertrieben, was die Not Deutschlands anbelangt; wir müssen erst mal sehen, daß wir aus unserer eigenen Krise herauskommen." Das ist der typische Gedankengang des man in the street in England.

Die Tatsache, daß Grausamkeit und Not seit Jahren fast täglich betont sensationell in den englischen Zeitungen beschrieben werden, hat uns alle etwas abgestumpft. Ganz unwissend über die deutsche Frage und gleichgültig gegen sie sind wir jedoch nicht geblieben. Das haben wir Victor Gollancz zu verdanken. Hier soll nun nicht über sein deutsches Tagebuch "in darkest Germany" gesprochen werden – dieses Buch, das Tausenden von Engländern das deutsche Problem nahegebracht hat –, sondern über zwei weitere Tagebücher, die er in seinem Verlage herausgab, sowie über ein Buch des englischen Dichters Stephen Spender.

Diese drei Bücher sind in großen Auflagen erschienen und mit großem Interesse gelesen worden. Weit entfernt von der Sensationsmache um Eva Brauns, Goebbels oder Hitlers letzte Tage, weit entfernt auch von den spekulativen Abhandlungen über den deutschen Widerstand, haben sie den richtigen Ton getroffen, um das Interesse und das Mitgefühl weiter Schichten anzuregen. Die Kritiker übrigens, die an den zahlreichen europäischen Filmkongressen des vorigen Jahres teilnahmen, berichten, daß die Tragik der Filme, in denen Probleme der Nachkriegszeit behandelt sind, das Publikum mehr als alle Kriminal- und Kriegsfilme gepackt habe.

Stephen Spenders "European Witness" gibt die Eindrücke eines Dichters von einer viermonatigen Reise durch die britische Zone im Sommer 1945 wieder. Es hat inzwischen nichts an Aktualität verloren. Die Charakterstudien eines Bonner Studenten (Spenders deutschen Fahrers), eines ehemaligen KZ-Mannes, und des SA-Führers, der dann Schwarzmarktgeschäfte machte, gelten auch heute noch. Sie sind besonders wertvoll, weil sie deutlich zeigen, wie eng die geistige Situation Deutschlands mit der materiellen verbunden ist – eine Tatsache, die den Engländern nicht oft genug erklärt werden kann. Unter anderm beschreibt Stephen Spender auch eine Unterhaltung mit Ernst Jünger. Er wirft Jünger vor, Militarist zu sein, und zitiert "Feuer und Blut". Aber Jünger antwortet, daß dieses Buch nur ein Entwicklungsstadium darstelle, das längst überwunden ist. "Mit 20 ist man Soldat und Krieger, und ich war 20 als ich ‚Feuer und Blut‘ schrieb", sagt Jünger. Das Buch endet mit einer Betrachtung über die Tatsache, daß die Naziführer oft enttäuschte Künstler waren. "Die Goebbels-These, daß die Nazis im politischen Leben verwirklichten, was Dostojewskij nur in der Literatur vermochte, erscheint mir jetzt als richtig und bewiesen", meint Spender.

Die beiden Tagebücher, die im Verlage V. Gollancz erschienen, enthalten Berichte Fenner Brockways und Arthur Dickens’. Brockway, der sein Buch Kurt Schumacher und Heinz Heydorn dediziert hat, befaßt sich mit deutschen Politikern und insbesondere mit der SPD; denn Brockway ist Labour-MP und sprach seinerzeit als erster englischer Sozialist bei der Maidemonstration der Gewerkschaften in Hamburg. Sein Buch hat deshalb starken Einfluß auf die englische öffentliche Meinung, weil hier ein überzeugter englischer Sozialist einen Augenzeugenbericht von den Berliner Wahlen und dem Terror der SED im russischen Sektor Berlins gibt. Viele Engländer geben sich noch dem Wunschtraum hin, daß über die Russen falsch berichtet werde und "alles gar nicht so schlimm" sei. Brockway klärt sie mit gutem Material auf. Und noch mehr: er bestärkt Schumacher in seiner These, daß die "SPD-Deutschen" den Alliierten erhobenen Hauptes gegenübertreten könnten und keinen Grund hätten, zu kriechen.

Arthur Dickens versteht es in seinem Lübecker Tagebuch meisterlich, die dramatische Atmosphäre der ersten Okkupationsmonate wiederzugeben. Der endlose Strom der Bittsteller in seinem Büro, in dem er während der ersten fünf Monate die "Lübecker Nachrichten" herausgab, bot allein schon Material genug für einen ganzen Roman-Zyklus. "Lübeck an der russischen Grenze", so heißt es auf der ersten Seite, "ist der Mikrokosmus Zentral-Europas." So mag man wohl denken, wenn man von Dickens an die Kuh erinnert wird, die von unternehmungslustigen Polen im dritten Stock der Meesen-Kaserne versteckt wurde; an die königlichen Jugoslawen, die zusammen mit den Balten und deutschen Hafenarbeitern die Lübecker Weinkeller plünderten; an die Dänen und Schweden, die ihre Hilfsorganisationen dort stationierten, und an das nun weltberühmte Poppendorf, das Deutsche aus der CSR, aus Ostpreußen, Pommern und aus Rußland entlauste und ihnen Fragebogen vorlegte.