Von Paul Hühnerfeld

Vier deutsche und zwei englische Paare bestritten in Hamburg das erste internationale Tanzturnier zwischen Deutschland und England nach dem Krieg. Der große Saal schillerte in allen Farben, aber das Rot überwog bei den herabhängenden Klubfahnen und den Abendkleidern der Damen. An jeder Ecke der glänzenden Tanzfläche saßen die Punktrichter neben weißen, mit Nummern versehenen Pappschildern, und dann wurde das Parkett .freigegeben für die sechs wettstreitenden Paare.

Ja, ein regelrechter Länderkampf zwischen England und Deutschland, zwischen Siegern und Besiegten. Vor noch nicht allzu langer Zeit schossen sie einander tot, jetzt "erschlugen" sie sich gegenseitig mit Eleganz und Rhythmus. Um es gleich vorwegzunehmen: auch in diesem Kampf siegte England, aber die Besiegten überlebten die Niederlage vollzählig und konnten den Siegern sogar noch aus ehrlicher Anerkennung Beifall klatschen.

Den vielen Zuschauern gefiel diese Art des Kampfes gut: es konnte einem nichts weiter dabei geschehen, als von einer leichten Verzauberung befallen zu werden, sah man die schwebende Leichtigkeit der Meisterpaare. – Früher, wenn ein Krieg drohte, sagte man: "Die Regierungen sollen doch gegeneinander boxen und sich die Kinnladen einschlagen, was haben wir damit zu tun? Zugucken wollen wir gern!‘ Nach dem Hamburger Turnier aber wird jeder vernünftige Mensch einsehen, daß auch dieser Vorschlag noch zu brutal ist. Nein, tanzen sollten die Länder, gegeneinander, wenn die Diplomatie versagt!

Das Tanzturnier begann mit einem langsamen Walzer, den die beiden englischen Paare einfach, genau und unaufdringlich tanzten, während die deutschen Teilnehmer spritziger, unruhiger und einfallsreicher wirkten. Schon hier konnte man die Unterschiede zwischen deutschem und englischem Tanzen erkennen: einfache Hingabe an die Melodie, ja mehr noch: eine meisterhafte tänzerische ‚Reproduktion‘ der Tanzmusik zeichnet den englischen Stil aus. Die deutschen Paare dagegen benutzten die Melodie als Inspiration für eigene Einfälle und Ideen. Die Engländer gaben sich der Musik hin, die Deutschen bezogen sie auf sich. Die englische Eleganz war die Eleganz der Musik, die deutsche Eleganz war der Scharm der Tänzer.

Immer länger aber wurden im Verlaufe des Turniers die Gesichtes derjenigen Zuschauer, die auf die modernen Tänze warteten. Denn im Turnier folgten, auf den langsamen Walzer –: Slowfox, Tango und schließlich gar der Wiener Walzer. Wo blieb der Swing, der heute längst in den Tanzstunden gelehrt wird und salonfähig wurde? Wo blieben Rumba oder Jitterbug? Und wo die ‚letzten Schreie’ wie Jife, Samba, Boogie-Woogie oder der in jüngster Zeit häufig an die Stelle des Slowfoxes getretene Rhythmen-dance? Eignen sie sich nicht für das Gesellschaftsparken Jedenfalls waren die Tänze des Turniers außergewöhnlich raumverschwenderisch. Die neuen, nicht getarnten Tänze aber sind ein Zeichen für die Enge der Tanzflächen von heute. (Vielleicht ist das Gedränge der Tanzenden in aller Welt ein Zeichen, für die Schwere unserer Lage: im untergehenden Karthago war das "Parkett" ebenso klein wie im spätkaiserlichen Rom. Die Tänze der Davongekommenen sind zu aller Zeit Tänze ohne Raum gewesen.) Walzer, Tango und Foxtrott jedoch sind die Tänze der freien, unbeschwerten Menschen, die sich aus dem Vollgefühl ihrer Freiheit heraus an die Musik und ihre Regeln binden. Die neuesten Tänze dagegen sind bestenfalls eine Improvisation dieser Freiheit. Diese Improvisation geht auf Kosten der Bildung an die Musik. Darum kann auch im modernen Tanz jeder machen, was er will, ohne als dem Rahmen herauszufallen. (Denn es ist kein Rahmen da.) Beim deutsch-englischen Tanzturnier in Hamburg jedenfalls bevorzugte man die älteren Tänze, weil ihre Tänzer Regeln respektieren und ihnen meisterhaft zu entsprechen versuchen. Einige Zuschauer fanden das langweilig. Liegt es daran, daß wir ja schon seit Jahren, nicht nur beim Tanzen, ständig improvisieren und ein Gefühl für das Echte verloren haben?

Vielleicht aber war es nicht nur die Schwierigkeit der Beurteilung für die Schiedsrichter, die die Turnierleitung von den modernen Tänzen absehen ließ. Vielleicht machte sich auch hier der Vormarsch bemerkbar, den Wälzer und Tango, English Walz und Foxtrott allenthalben in Europa gegen "die wilden Rhythmen dieser unserer Nachkriegsjahre seit einigen Monaten angetreten haben. Sind unsere Tanzflächen wieder weiter geworden? Gehen wir besseren Zeiten entgegen?