In der Vorankündigung hatte die Komödie noch einen anderen Namen als bei der Premiere, "Ein Leben – kein Traum", wenn ich nicht irre. Aber wer wäre schon bei solchen Namen sicher? Es könnte sehr wohl, ironischerweise, auch "Kein Leben – ein Traum" geheißen haben. Da es jedoch trotz des illegalen Grenzverkehrs, den unsere Bühnenautoren neuerdings mit dem Jenseits unterhalten, recht unwahrscheinlich ist, daß Calderon oder Grillparzer ein Veto gegen den Titel einlegten, wird wohl Kortner ein guter Freund rechtzeitig auf die oben vorexerzierten Verwechslungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht haben, worauf er einsichtig das Stück in "Donauwellen" umbenannte. Dieser unerwartete Schlag ins Wasser wird durch die Tatsache gerechtfertigt, daß die Komödie – in den Tagen des Einmarsches der ost-westlichen Alliierten – in Wien spielt, woraus jedoch schon erhellt, daß Assoziationen zu Johann Strauß unstatthaft wären. Der Titel nur scheint gefällig. Das Stück Ist es nicht.

Es ist eine herbe Satire auf alles Konjunkturrittertum, dargestellt an dem Wiener Figaro Duffeck, dessen Trachten einzig darauf geht, das bei der "Arisierung" um einen Pappenstiel erworbene Friseurgeschäft zu behalten. Es wiederhergeben zu sollen, sei es auf russisch, sei es auf amerikanisch, ist das einzige, wogegen dieser Mann sich wehrt, der sich im übrigen biedermännisch rühmt, nie, aber auch nie an irgendeinem "Widerstand" beteiligt gewesen zu sein. Und es sieht ganz so aus, als solle der widerstandslos Beharrende auch diesmal – und mit im die penetranten und zynischen Selbstbehauptertypen beiderlei Geschlechts natürlich erst recht – wahren dürfen, was nicht so eigentlich das "Seine" ist. Die Blindheit aber für das, was jedem das Eigentlichste, Wichtigste sein müßte, beschränkt sich nicht auf Duffeck allein. Alle, auch die Sieger, scheinen davon befallen, lud so steht am Ende von viel bitter-witziger Durchleuchtung ein Schlußwort, das dem Sinne nach meint: dies könne nicht gut hinaus gehn.

Selten trifft es so wie hier zusammen, daß man die aufrütteln sollende Grundtendenz eines Werkes bejahen muß unter starken Mitbehagensanfallen bezüglich der Art und Weise, in der sie sich darbietet. Es ist, wie wenn einer bei Tische Weisheiten unter Aufstößern und anderen Kongestionsgeräuschen von sich gäbe; für unseren Geschmack würde ihnen selbst bei einem Buddha eben das abgehen, was sie zu viel haben. Worin Kortner, der Autor, haushoch recht hat und alle Aufmerksamkeit verdient, ist: daß es für diese schuldbeladne Welt keine Heilung ohne innere Umkehr gibt, und daß sie diese Heilung ausschlägt. Also kann es gar nicht anders sein als daß sie – auf dem großen Abrutschbrett der uneinsichtigen Ichsucht – den schon bereitstehenden, den schon eingedrungenen Vernichtermächten anheimfällt.

Womit aber Kortner diese Auffassung beschädigt und teilweise verdirbt, ist nicht: daß er sie auf unpathetische, auf sarkastische Manier figuriert, sondern wie er sozusagen alles, auch wo er es gar nicht möchte, mit Miesigkeit überzieht. Man könnte diese Stück-Art geradezu als "mies en scene" definieren. Gewiß, auch bei Nestroy herrscht schon das bittere Vorschmecken des imperialen Untergangs, und wie hat er doch recht behalten! Aber bei ihm und bei noch manchem seiner Nachfolger (und wie edel vorbildlich etwa bei Hofmannsthal) ist die tiefe Schwermut des Österreichers durchzaubert von Liebenswürdigkeit: es wird in ihr gleichsam ncch einmal ausgebreitet, was von den Schatten bereits überfallen ist – ein wunderbarer, lange gehegter, nie wieder aufzuholender menschlicher Wert!

Es ist schwer, in Kortners Wiener Friseurladenkomödie diesen Wert noch zu entdecken, selbst bei dem jungen Mädchen, das ihn zweifellos demonstrieren soll. Der Skeptizismus hat alles schwarzgallig lasiert. Daß sie überhaupt noch witzeln kann, erscheint, auch wo die Witze scharfe Zacken haben, wie ein letzter, schon matter Vitalitätsausweis der Verzweiflung. Der stärkste, auch theatralisch trefflich hergezauberte Part ist Duffecks Alptraum, in dem er, mit der Wahrheitspille im Leib, sagen muß, wie es gewesen ist, und wo Gericht über ihn gehalten wird. Aber so wie dieser Wahrtraum dem Wachenden schrecklicherweise zu nichts dient, so hilft Kortners psychoanalytisch fundierte Skepsis den von ihr durchleuchteten Figuren in einem letzten Sinne zu nichts: sie werden davon, zumal es noch die Ältesten auf freudianisch verpaßt bekommen, zwar schmieriger, aber das Ganze wird durch tiefenschicht-gewürzte Unappetitlichkeit leider nicht wahrer. Man sträubt sich, nicht weil man Wahrheit nicht vertrüge, sondern weil man das erheblich Wahre im Stück so nur verdorben findet.

Fritz Kortner, einst ein Gewaltiger des Berliner Theaters, der aber vorerst, zum amerikanischen Staatsbürger geworden, in Deutschland ohne Friedensvertrag anscheinend nicht spielen darf, hat immerhin in Geiselgasteig bereits gefilmt, und jetzt in den Kammerspielen im Schauspielhaus auch selber Regie geführt. Es ist ihm gelungen, den bekannten schwäbischen Vortragskünstler Willy Reichert, der gerade in einem Münchner Kabarett gastierte, so weit auf Wien und Duffeck "umzuschulen" als dies mit Können überhaupt möglich ist. Was nicht übersehen läßt, daß das Sein immer ein Plus ist; ein Moser ist Reichert natürlich nicht geworden. Dem anderen Kabarettisten im Ensemble, Adolf Gondrell, fiel es um so leichter, aus einem berlinisch intonierten Raffketyp das Äußerste an "unsympathisch" herauszuholen. Vortrefflich gab Rudolf Vogel den gespenstigen . Traum-Anwalt mit schmutziger Weste, und ebenso Hans Chr. Blech den chaotischleidenschaftlichen Russen von reinstem Wasser.

Die satirischen wie die theatralisch-packenden Partien des Stücks sollen am Uraufführungsabend zu starken Heiterkeits- und Beifallsbezeugungen für den Autor-Spielleiter und die Darsteller geführt haben. Merkwürdig genug, daß bereits, am zweiten Abend vom einen wie vom anderen kaum etwas zu spüren blieb. Lag es nur am Publikum?

Hanns Braun