Von unserem Londoner Vertreter

Es mag sein, daß in Südafrika so ziemlich alles Gold ist, was glänzt. Trotzdem geht aber ein lebhaftes Raunen durch den internationalen Blätterwald, und die Regierung gibt sehr gewundene Erklärungen ab. Was hat sich in der südafrikanischen Union ereignet, daß man sich dort einerseits über das Gold beklagt, anderseits mit seiner Hilfe aus der Devisenklemme zu entweichen trachtet? Man könnte sagen "Gold ist auch sieht mehr, was es früher war!" Es hat nämlich seine alte Funktion verloren, den internationalen Zahlungsverkehr durch die Tatsache seiner eigenen Knappheit regulieren zu helfen und dadurch einen stabilisierenden Einfluß auf die Warenpreise in aller Welt auszuüben.

Seitdem jedoch die USA den größten Teil des Goldes an sich gezogen und es säuberlich in Fort Knox aufgestapelt haben, hat der Goldpreis den Anschluß verpaßt. Andere Stoffe kosten heute das Dreifache der Vorkriegszeit; Gold allein wird offiziell weiter mit 35 $ je Unze notiert. Es ist so weit gekommen, daß bei diesem Preis nicht mehr genügend Anreiz zur Steigerung der Goldproduktion gegeben ist, weil außerdem die Löhne und sonstigen Kosten sich erhöht haben. Doch niemand will den Goldpreis erhöhen – von den Produzenten abgesehen. Denn einmal will man nicht noch mehr für einen Stoff bezahlen, der doch nur in Festungen bewacht werden muß und Leinen rechten Nutzen bringt, außerdem bedeutet nach den Spielregeln eines überholten Spieles, das "System der Goldwährungen" heißt, jede Erlösung des offiziellen Goldpreises eine Abwertung der Währung. Und wer will denn heute seine Währung abwerten, nur um einen höheren Goldpreis zu erreichen? Die USA, auf die es dabei in erster Linie ankäme, ganz gewiß nicht. Die Golddämmerung mag in den Vereinigten Staaten noch nicht sehr weit gediehen sein. Aber da man in den Wirkungen einer Goldpreiserhöhung, wie Gefährdung von Bretton Woods und Internationaler Bank, Vorteilen für den Export (den man unter dem Marshall-Plan ohnehin zu einem großen Teile wegschenkt!) und entsprechenden Nachteilen für die Einfuhr kein Interesse hat, denkt niemand in Washington oder New York ernsthaft an eine Erhöhung des Goldpreises und Abwertung des Dollars.

Nicht einmal in Südafrika wagt man ernsthaft den Gedanken einer Abwertung aufzugreifen, weil man sich nichts Gutes davon verspricht! Für das Ergebnis (mehr Papierpfunde für das Gold, bei gleichbleibender Kaufkraft für die Golderlöse im Auslande) würde man den Zorn der USA heraufbeschwören, die ihr Welt-Währungs-Gebäude in Gefahr sehen würden. Das dürfte auch der Grund dafür sein, daß Südafrika, als Hauptinteressent an steigender Goldproduktion zu höheren Preisen, nur sehr zaghaft einen Versuchsballon aufsteigen läßt: Aus einer Jahresproduktion von mehr als 11 Mill. Unzen sollten in den nächsten Wochen 100 000, Unzen 22 Karat-Gold in "verarbeiteter Form" zum Preise von 38,2 $ je Unze gegen Dollar verkauft werden. Das bedeutet eine Prämie von knapp 10 v. H. gegenüber dem offiziellen Goldpreis. Die südafrikanischen Goldminen sollen an diesem Mehrerlös der Regierung – an die sie ihre gesamte Förderung verkaufen müssen – beteiligt werden. Die "Verarbeitung" des Goldes birgt natürlich keinerlei Garantie dafür, daß dieses Gold nicht in die Hortung fließt. Allgemein wird in London abgenommen, daß die Käufer in kapitalkräftigen Kreisen des Mittleren und Fernen Osten und nicht etwa in der Juwelierzunft gefunden werden sollten.

Man war gespannt, was "der International Währungsfonds dazu sagen würde und hatte die Hoffnung, daß er angesichts der Devisennöte Südafrikas "ein Auge zudrücken" würde. Er tat es nicht, sondern bat die südafrikanische Regierung, diesen Goldverkauf zu unterlassen, um ihm die Möglichkeit zu geben, zunächst die Hintergründe – wie es in der Verlautbarung des Währungsfonds heißt – zu untersuchen.

Die Stimme des Währungsfonds ist die Stimme Amerikas und ab solche für Südafrika wichtig. Denn gleichzeitig mit diesem Verkauf "verarbeiteten" Goldes gab der südafrikanische Finanzminister Havenga bekannt, daß Verhandlungen über einen Kredit mit der Export and Import Bank in den USA geführt wurden. Die Devisenklemme der Union kneift sie sehr. Trotz der drastischen Kürzung der Lizenzen für Dollareinfuhren um 50 v. H. für die zweite Hälfte 1948 haben sich die Gold- und Devisenreserven Südafrikas rapide vermindert. Seit der Anfang November erfolgten Bekanntgabe dieser rückwirkenden Kürzung haben sich die Goldreserven der Bank von Südafrika um 12 auf 46 Mill. £ und die Sterlingreserven ihn etwa 28 auf 22 Mill. £ vermindert. Bei diesem Tempo der Verluste müßten Ende 1949 nicht nur diese Reserven, sondern auch die weitere Forderung von 88 Mill. £ an Großbritannien für die kurzfristige Goldanleihe aufgezehrt sein. Man rechnet daher mit weiteren, sehr einschneidenden Einfuhrbeschränkungen, die wahrscheinlich die Käufe aus "Weichwährungsländern" einschließlich dem Sterlingblock um ebenfalls 50 v. H. kürzen werden.

Die Kreditverhandlungen mit den USA sind damit in ihrer lebenswichtigen Bedeutung für die südafrikanische Wirtschaft beleuchtet. Dabei haben die USA in voraufgegangenen, inzwischen als gescheitert geltenden Verhandlungen über eine langfristige Anleihe an Südafrika deutlich zu verstehen gegeben, daß sie sich nicht an der Erschließung weiterer Goldfelder im Oranjefreistaat direkt oder indirekt zu beteiligen wünschen. Dagegen gilt es als durchaus denkbar, daß die USA Kreditmittel für den Aufbau und Ausbau von "produktiven" Industrien in der Union bereitstellen würden. Derartige Kredite würden eine wesentliche Schwierigkeit bei der Gestaltung der südafrikanischen Wirtschaft nach neuen Gesichtspunkten beseitigen: Die USA liefern einen großen Teil der Maschinen für neue Industrien. Die verfügbaren Dollars der Union sollen in der Tat für diese Maschinenkäufe reserviert werden.

Ließe sich ein größerer Kredit abschließen, so könnten damit die Maschinenkäufe finanziert werden und die restlichen Dollars würden es der Union ermöglichen, auch auf anderen lieferfähigen Märkten, wie z. B. Westdeutschland, Ausrüstungen für neue Industrien zu erwerben. Die dringendsten Bedürfnisse an Fertigwaren könnten dann aus der laufenden Ausfuhr und aus den verbliebenen Sterling-Guthaben bezahlt werden. Britische Beobachter sind zwar noch skeptisch, ob Washington der Regierung Malan einen größeren Kredit einräumen würde, ohne weitgehende politische Fordernden, etwa zur Eingeborenenbehandlung, zu stellen. Sie bezweifeln auch, ob die gegenwärtige Regierung den Ernst der wirtschaftlichen Lage erkannt habe und ihre Pläne darauf abzustellen gedenke. Aber man kann wohl annehmen, daß die Buren mindestens so rasch wie die Briten in Südafrika es merken werden, wenn sich die Anlehnung der Wirtschaft an die Goldproduktion als ein Bleiklotz für die Entwicklung der Union erweisen sollte. Gw.