Zeitpolitische Komödie in Lübeck

Anführungsstriche sind eine Sorte von Interpunktion, die sich – nicht nur auf dem Theater – schwer sprechen läßt. Eigentlich liegt darin die Tragik der Komödie "Ich bin kein Napoleon", die Wulf Leisner, der Direktor der Lübecker "Komödie", für seine Bühne schrieb und selbst inszenierte. Denn Ironie ist so eine Sache ...

Ort dieser Komödie ist (laut Theaterzettel) "Irgendwo in Europa". Zeit: das zwanzigste Jahrhundert. Ein König – nach einer Theater-Fama, die der Uraufführung vorauseilte und dementiert wurde, soll es sich um den Herzog von Windsor handeln – stellt seine Herzensaffäre über die Staatsräson und die Königskrone, die er weniger auf seinem Haupte als auf seinem Tennisschläger balanciert. Er entfleucht, nachdem er seinen Ministern einige witzige Aperçus und einige Passagen aus gutgemeinten Leitartikeln lächelnd um die Ohren geschlagen. Per Saldo aber bleibt alles beim alten. Und gerade das ist nicht gut für einen Menschen, der unentwegt stolz darauf ist, "kein Napoleon" zu sein. Auch diese Formel verpflichtet. Der negative Napoleon, mit dem anti-napoleonischen Programm schlägt sich als Flaneur zu seiner Geliebten in die Büsche. Aus!

Damit wären wir an dem Punkt, der Grundsätzliches über den Typ der politischen Zeitkomödie allgemein zu sagen verlangt. Immer wird da irgend etwas gepredigt (in diesem Fall politische Vernunft). Und immer wird man als Zuschauer hin- und hergerissen. Setzt das Schwankhafte ein, so wetzt man das Zwerchfell, doch schon taucht wieder der erhobene Zeigefinger auf. Und in diesem Falle muß man sogar fürchten, daß der König sich einem (natürlich imaginären) Weltbürgerklub anschlösse, dies wegen der Aktualität.

Aber –: das Aktuelle ist eine Sache, und eine Komödie ist eine andere Sache. Das Absichtsvolle gefährdet, ja verhindert die Leichtigkeit, und sie ist es, von der die Komödie lebt.

An der Aufführung war etwas, – als hätte der Direktor eine Strafarbeit diktiert. Man kann nun einmal aus nassem Lehm keine Funken schlagen. Dabei war nicht einer von den 15 auftretendem Darstellern schlecht. Zumal die Frische des jugendlichen Königs fand in Eberhard Schwab eine sympathische Figur. Auch trug er enorm elegante ganz neue Anzüge sehr salopp. Da paradierte die Herrenmode einmal, wie dies sonst nur bei Damensachen vorkommt. (Ich ahnte übrigens nicht, daß die moderne Herrenmode für Jacketts eine Weite vorsieht, als wären sie für den größeren Bruder gemacht.) So und nun kommen wieder die Anführungsstriche. Da hieß es im Programmheft über das Stück, dessen Beziehung zur Politik dem Besucher – sagen wir es ruhig – mit dem Nudelbrett unter die Nase gerieben wird: "Wir beschreiten damit auch im Genre literarisches Neuland, denn die politische und auch die satirische Komödie haben leider Seltenheitswert auf der deutschen Bühne."

Man muß nach der Aufführung leider hinzufügen: "Jawohl, leider..". Karl N. Nicolais