Von Jan Molitor

Er sprach in dem gleichen kläglichen Tone wie das kleine Ichthyosaurus-Kind in Thorton-Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" und sagte: "Mir ist so kalt..." Sie hatten ihm, dem jüngeren Bruder, ebenso wie mir ein Clown-Kostüm angezogen. Er war fünf Jahre alt. Die Kostüme waren gelb- und weißgestreift und die Pumphosen so weit, daß wir unentwegt stolperten. Wir trugen spitze Schellenmützen und einen mit leuchtenden Schellchen besetzten roten Kragen. Dann hatten unsere Eltern uns einen fröhlichen Schubser gegeben, so daß wir klingelten. Worauf sie von hinnen gingen, den großen Karneval zu feiern. Wir irrten umher und feierten den kleinen Karneval. Und mein Bruder hatte blaugefrorene Hände, so daß die Narrenpeitsche, die er umklammert hielt, zitterte; seine Nase tropfte. "Mir ist so kalt, so kalt..."

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Fünfzehn Jahre später ... Auf der Rheinbrücke! Drunten, geheimnisvoll von Lichtern der Großstadtnacht umspült, trieben Eisschollen zu Tal. Ich hatte ein Torero-Kostüm an,sehr eng, sehr dünn. (Es war das billigste Kostüm im Verleihhaus gewesen.) Aber mir war heiß, flammend heiß. Und ich sagte zu dem Mädchen, das neben mir stand: "Wenn es dir hilft ... ich meine: wenn ich dir einen Gefallen damit tun kann", sagte ich, "wenn es dir eventuell Erleichterung bringt oder auch nur die Befriedigung einer Laune, dann...", sagte ich, "...spring’ ich in den Rhein." (Bei Gott, ich hätte es getan. Ich liebte und sah schon den Effekt: flammender Torero in eisigem Wasser.) Sie aber, die über einem Tscherkessinnen-Kostüm noch einen schweren, duftenden Pelzmantel trug, erwiderte: "Mir ist so kalt .. (Sie war aus Hamburg und liebte mich nicht.)

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Vordem, weit vordem beschlossen mein Bruder und ich, uns zu rächen Wir irrten umher, zwei verlassene Ichthyosaurus-Kinder, die eine warme menschliche Höhle suchten, aber an den Wohnungstüren klingelten sie immer bloß mit uns. Wir kannten damals einen Mann, der es auf den Tod nicht ausstehen konnte, wenn wir aus Bosheit die Klingel an seiner Haustür in Bewegung setzten. Gleich überschüttete er uns in solchen Fällen mit Wasser und hetzte seinen Hund auf uns. Diesmal jedoch öffnete er auf unser wildes Klingeln nur sein Fenster, blickte aus dem ersten Stockwerk liebreich auf uns herab, sagte fröhlich: "Na, ihr zwei Fastelovendsjecken!" und lachte schallend über unseren Humor, und sein Hund neben ihm guckte auf uns hernieder. Lachte er auch? Mein Bruder aber – wohl in seinem kleinen Herzen fühlend, daß ihm nichts mehr blieb, nicht einmal der Trost der Rache – in seinem gelb- und weißgestreiften Kostüm begann von neuem, bitterlich zu weinen...

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