Im Herbst 49 – 2049 versteht sich – fand im Stockholmer Olympiastadion, das eine halbe Million Personen faßte, das bemerkenswerteste Fußballspiel aller Zeiten statt. Es war das letzte Spiel um die Weltmeisterschaft, die zwischen Eurasien und Amerika ausgetragen werden sollte.

Die zweiundzwanzig Jungens, die antraten, waren das Schönste und Ebenmäßigste, das man sich denken kann. Sie wogen pro Mannschaft achthundertvierundzwanzig Kilogramm, und mit jedem von ihnen waren umfangreiche Vorprüfungen angestellt worden, von der Hubkraft des Schenkel bis zur Auffassungsgeschwindigkeit im Spielaffekt. Längst hatte die Fairneß im internationalen Sport sich dahin entwickelt, daß es als unmöglich galt, ungleichwertige Spieler gegeneinander antreten zu lassen, und das Spiel erfreute sich nicht zuletzt deshalb der Aufmerksamkeit der ganzen Welt, weil es das erste Spiel auf einwandfrei wissenschaftlicher Basis war: Die Gleichwertigkeit der beiden Mannschaften war absolut; allerdings nahm der Match gerade infolgedessen einen unvorhergesehenen Verlauf.

Als die Pfeife des Schiedsrichters erscholl, hatte der amerikanische Mittelstürmer Rixy den Ball. Er gab ihn nach links an seinen Halblinken, und dieser trat ihn zurück an den rechten Läufer; eine Anfangskombination, die sich als klassisch herausgebildet hatte. Der rechte Läufer, Brother, behielt das Leder genau drei Sekunden, dann sandte er es mit einem halbhohen Schuß von acht- undzwanzig Meter Länge zu Smits, dem amerikanischen Linksaußen vor, der inzwischen mit der Stürmerreihe vorgerückt war und den Ball im Lauf abzunehmen hatte. Selbstverständlich aber wurde Smits durch den rechten eurasischen Läufer Huberl, der die Kombination natürlich durchschaut hatte, abgedeckt, und wenn das Spiel in Tempo und Anlage bis hierher auch geradezu ideal genannt werden kann, so setzte doch jetzt sogleich die von niemand vorausgeahnte Entwicklung ein.

Der Ball kam nicht zu Boden. So selbstverständlich wie Huberl Smits abdeckte, köpfte Smits das heran sausende Leder im rechten Augenblick, und noch selbstverständlicher fast köpfte Huberl es mit. Die beiden Jungens waren gleichzeitig am entscheidenden Fleck, und infolge ihrer gleichermaßen vorbildlichen Spielereigenschaften erwischten sie den Ball im Sprunge – der eine von rechts, der andre von links – im selben Moment, so daß er, von ihrer beider Scheitel berührt, vertikal wieder in die Höhe stieg. Als er hertbkam, geschah dasselbe noch einmal; als er wieder herabkam, geschah es wieder; die beiden Keile prallten in einem herrlichen Sprung brustwäits gegeneinander und trieben das Leder, das sich von ihren Köpfen in der gleichen Sekunde von entgegengesetzten Seiten berührt sah, immer auf; neue senkrecht nach oben. Noch ahnte niemand, was das hieß: daß die auf diese Weise entstandene Kräftekonstellation stabil und konstart war; noch standen die übrigen Spieler in Habtachtstellung im Feld, auf den Moment passend, in dem die Phase des Spiels überwunden sein würde. Noch verharrte das Publikum in erregten Lautlosigkeit und Erwartung, als plötzlich auf der vorgebauten Reportertribüne ein schallendes, tobendes Gelächter ausbrach, ausgestoßen von einem kleinen schlanken Herrn, der sich dort erhob und sich in einem wahren Paroxismus von Heiterkeit schüttelte. Er rief ein paar vom Lachen halb verschluckte Sätze, deutete ins Spielfeld, auf Smits und Huberl, die unverändert mit dem Ball auf und niedergingen, und griff sich dann mit beiden Händen an die Stirn, die er wie toll zu reiben begann. Niemand erfaßte zunächst den Sinn dieses Vorgangs ganz, aber nach und nach fiel auch anderen das eigentümlich Stagnierende und im Grunde gespenstisch Anmutende dieser beiden Fußballspieler auf, die unter Höchstanspannung ihrer Kräfte den Ball immer wieder ergebnislos in die Lüfte schickten.

Der übrigen zwanzig Jungens hatte sich inzwischen eine gewisse Unruhe bemächtigt; das Schmunzeln, das ihre Gesichter umspielte, verging und machte befremdeten, leise erschreckten Mienen Platz. Der amerikanische Halblinke Watertown, der Smits zunächst stand, beschloß endlich einzugreifen, und, obwohl es gegen die goldene Spidregel verstieß, sich in das Köpfen eines Balles als dritter Mann einzumischen. Er rückte in Richtung der Kampfstelle vor, sah sich jedoch nach kürzester Zeit dabei durch den eurasischen Mittelläufer Fernandez behindert, der Huberl zu Hilfe eilte und Watertown alsbald regelgemäß stellte. Als Watertown ihn links umgehen wollte, verhinderte Fernandez dies durch die entsprechende Bewegung nach rechts.’ Als der Amerikaner zum Sehen zurückwich, nahm auch Fernandez die Finte auf und wich zurück, und es dauerte keine halbe Minute, da waren auch diese beiden Spieler in ihrer Kampfbewegung gewissermaßen vorcinander erstarrt. In einem Abstand von einem Meter ritten sie mit Wendung, Gegenwendung, Sprung und Gegensprung umeinander herum, ohne sich den entscheidenden Vorteil abgewinnen zu können. Ein weiteres Paar eilte zur Hilfe herbei und versuchte durch gegenseitiges Rempeln in den Ball heranzukommen, aber es erging ihnen nicht anders; die Ebenbürtigkeit ihrer Schultern und Stöße war zu groß, als daß ein Ziel hätte erreicht werden können.

Als es so weit war, fing eine Dame in der Kurve der Tribune, wo sie einen sehr guten Platz inne hatte, plötzlich schrill und langgezogen zu schreien an. Die Haltung des Publikums hatte sich überhaupt verändert. Den Hunderttausenden, die hier saßen, schien es allmählich nicht mehr geheuer zu sein; die meisten drückten sich an die Lehnen ihrer Sitze und starrten mit einem beginnenden Grauen auf die Vorgänge im Spielfeld; andere hatten schon krampfhaft die Augen geschlossen, wieder andere suchten sich heimlich zu entfernen. Eine merkwürdige Stimmung lag mit einemmal in der Luft. Es war, als würde diese Menschenmasse von einem Alp bedrückt, dem zu entrinnen sie nicht mehr die Kraft besaß. Als die Dame zu schreien anfing, vermehrte sich die ängstliche Unruhe noch, um so mehr, als die herbeigeeilten Sanitäter der ins Toben Gerätenden kaum Herr zu werden vermochten; gereizt und gepeinigt sah das Publikum mit an, wie die Strampelnde von den Männern in eine nahegelegene Sanitätsbaracke geschleppt wurde. – inzwischen war unter den Spielmannschaften ein allgemeiner unheilschwangerer Kampf von Mann und Mann ausgebrochen, der jedoch trotz höchster Anstrengungen aller Beteiligten mit phantastischer Gleichmäßigkeit vollkommen stationär verlief, und aus dem noch immer mit ihren nun an den Irrsinn grenzenden Sprängen um den aufschwebenden und herabsinkenden Ball die Spieler Smits und Huberl hervorstachen. Das Ganze war, wie manchmal Träume sind, in denen man sich trotz aller qualvoll aufgewandten Mühe nicht vom Fleck zu bewegen vermag; das tanzte, raste, stampfte, wand und bäumte sich mit bis zum Platzen gespannten Muskeln, und doch geschah – nichts.

Es waren seit Spielbeginn siebenundzwanzig Minuten verstrichen, als auch noch die beiden Torwächter, die sich bis dahin passiv verhalten hatten, ins Spiel einzugreifen versuchten. Fast gleichzeitig kamen sie aus ihren Toren heraus, zögernd zuerst, dann rascher, bis sie unvermittelt auf den zappelnden Mannschaftshaufen loszustürzen begannen. Aber im selben Augenblick pfiff der Schiedsrichter ab; er pfiff mit kalkweißem entstellten Gesicht und so laut, als blase er die Trompete des Jüngsten Gerichts, und in diesem Augenblick brach die Panik aus.