Für den österreichischen Normalverbraucher wächst nicht einmal die Hälfte des Brotgetreides im eigenen Lande. Die größere Menge muß seit langem aus bezahlter Einfuhr und unentgeltlichen Hilfssendungen des Auslandes bestritten werden, während vor dem Kriege der Bedarf an Brotgetreide immerhin noch zu 70 v. H. aus der heimischen Scholle gedeckt wurde. Dabei muß berücksichtigt werden, daß der Verbrauch damals um rund 60 v. H. höher lag. Heute aber trägt die österreichische Landwirtschaft nur mit 40 v. H. zur Erfüllung des amtlichen Nahrungssatzes – bei, der stufenweise von 1200 Tageskalorien im ersten Nachkriegsjahr bis auf nunmehr 2100 angestiegen ist.

Der erschreckend geringe Beitrag der heiirischen Landwirtschaft zum amtlichen Ernährungssatz läßt sich mit dem Krieg und den damit verbundenen Kriegsverlusten nicht mehr überzeugend entschuldigen, nachdem Österreichs Lindwirtschaft diese Verluste längst aufholen konnte. Man ist vielmehr bei den zuständigen Stellen an der Donau der Ansicht, daß der stark ausgeprägte Sinn des Landvolkes für die augenblickliche Blütezeit des Besitzerwerbs und der Besitzvermehrung Ursache dieser Entwicklung ist. Hinzu kommt noch, daß die österreichische Ernährungswirtschaft brauchbare statistische Unterlagen nicht mehr besizt.

Recht aufschlußreich ist ein Vergleich der Ernteschätzungen des Jahres 1947 mit dem tatsächlichen Ertrag. Nach den amtlich ausgewiesenen Anbauflächen für Brotgetreide und bei Berücksichtigung des durchschnittlichen Hektarertrages hätte Österreichs Brotgetreideernte im Jahre 1947 nur 386 000 t ausmachen dürfen. Die Wirklichkeit sah anders aus Allein für Selbstversorgerzwecke hat die Landwirtschaft 360 000 t verbraucht und lieferte außerdem noch 168 000 t ab, womit bewiesen sein dürfte, daß sie zumindest über 142 000 t Getreide mehr verfügte, als "amtlich" überhaupt vorhanden sein konnten. Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse im vergangenen Jahre. Das gleiche Bild ergaben Erhebungen des Geflügelstandes: er ist um 25 v. H. höher, als die Statistik ihn ausweist Auch die Schweinezucht scheint von diesem "statistischen Schlund" erfaßt zu sein, oder liegt es vielleicht allein an der Nachkriegsluft, wenn auf eine österreichische Zuchtsau in den Jahren 1946 bis 1948 durchschnittlich nur noch 1,1 Ferkel entfielen, während es vor dem Kriege Immerhin 2,6 waren...? Diese recht einseitige Haltung der Landwirtschaft dürfte kaum dazu beitragen, die nachkriegsbedingte Spannung zwischen Stadt und Land zu beseitigen. Als kürzlich der Ausfall der Frischfleisch-Lieferungen für Wien sich mehrfach wiederholte, zeigte diese Spannung eine recht empfindliche und bedenkliche Zuspitzung. Schließlich dürfte es besonders doch auch im Interesse der österreichischen Landwirtschaft selbst liegen, durch richtige Ernteschätzungen die Ernährungslage in einem realen Licht erscheinen zu lassen. –rcz