Während, in Washington die Verhandlungen über den Atlantik-Pakt in die entscheidende Phase eintraten, ist unter den lindern außerhalb Amerikas eine Paktneurose ausgebrochen. Jeder will nach Möglichkeit im letzten Augenblick die größten Garantien für sich sichern. Der türkische Außenminister verhandelte in London und Paris über die Koordinierung des Atlantik-Paktes mit dem geplanten Mittelmeerpakt; in Frankreich wurden Stimmen laut, wonach auch Nordafrika in das Sicherheitssystem einbezogen werden müsse; und schließlich wurde in London angedeutet, der Atlantik-Pakt müsse auch auf den Pazifik ausgedehnt werden. Man erhält durch die Art, wie alle diese Wünsche und Forderungen vorgetragen werden, den Eindruck, als ob dabei die Verteidigung der Vereinigten Staaten und nicht vor allem die Europas beabsichtigt wäre. Der Entschluß Norwegens aber, das anfangs viele Bedenken zu überwinden hatte, sich doch noch an dem Atlantik-Pakt zu beteiligen, zeigt nur zu deutlich, für wen am Ende das Zusammengehen notwendig ist.

Durch die Verzögerung der Verhandlungen in Washington ist mancher beunruhigt worden. Das ist auf den ersten Blick verständlich, wenn man bedenkt, daß die Pläne für den Atlantik-Pakt schon so oft umgestoßen wurden. Die europäischen Länder hatten ursprünglich vorgeschlagen, die Vertragsbeteiligten sollten im Falle des Angriffes auf einen der Unterzeichneten "militärische und andere Aktionen" als Gegenmaßnahmen ergreifen. Unter Hinweis auf die amerikanische Verfassung, die keine automatische Kriegserklärung erlaubt, sondern dieses Recht dem Kongreß überläßt, war die Formel abgeändert worden auf "militärische oder andere Aktionen". Jetzt hat das State Department – nachdem klar wurde, daß vom Senat und Repräsentantenhaus Widerstand geleistet wird – die Formulierung "militärische Aktionen" weiterhin geschwächt und einfach, durch "Aktionen"

Mag sein, daß die Senatoren und Abgeordneten des Repräsentantenhauses in ihrer Neigung, auf die Rechte des Parlaments eifersüchtig zu achten, zu weit gehen. Es ist aber in Wirklichkeit den Parlamenten aller Demokratien vorbehalten, über Krieg oder Frieden zu entscheiden. Daß der Atlantik-Pakt, letzten Endes doch unter Dach und Fach gebracht wird, darüber besteht kaum noch ein Zweifel. Wahrscheinlich wird ihm das Abkommen von Rio de Janeiro als Vorbild dienen, in dem festgestellt wurde, daß ein Angriff auf einen Vertragspartner als eine Angriffshandlung auf alle betrachtet werde, und alle Beteiligten verpflichtet seien, dann sofort Beschlüsse zu fassen.

Bei dem Abschluß eines solchen Paktes sind nicht die schriftlichen Garantien, sondern der Geist, in dem er abgeschlossen ist, die Absichten und Interessen der beteiligten Länder und schließlich ihre effektive Stärke ausschlaggebend. Der Geist des Zusammenhaltens und der Verbundenheit ist bereits vorhanden. Und er wird um so stärker werden, je mehr sich die freien Volker von der Aggressionslust des Kremls überzeugen. Die Interessen der USA verlangen, daß der kommunistischen Aggression Einhalt geboten wird. "Der Atlantik-Pakt ist keine moralische Verpflichtung", schrieb die New York Times, "er ist vielmehr die Feststellung von Interessen, die die amerikanische Politik so lange bestimmen werden, wie die gegenwärtige politische Lage anhält." Was schließlich die militärische Stärke anbetrifft – bei den Hauptpartnern ist sie vorhanden. Sie steigt ständig, unabhängig von den Paktverhandlungen, und das ist das Wichtigste. Denn das Hauptziel bei dem Abschluß des geplanten Atlantik-Paktes ist es vor allem, Angriffslustige abzuschrecken und damit einen dritten Weltkrieg zu vermeiden. B–w.