Grenier weiß auf jedem Gebiet besser als Kravchenko, wie es in Rußland aussieht. Ob er nun die Richtigkeit dessen bestreitet, was Kravchenko über die Kolchosen, oder die Organisation der Industrie oder den Tod Bucharins und der vielen anderen alten Führer oder/über Höhe und Wert der amerikanischen Hilfslieferungen geschrieben hat – nichts weiß dieser Kravchenko, nicht einmal, daß "die regierende, die Macht haltende Partei das Recht hat, von jedem Bürger Rechenschaft über seine Taten und Gedanken zu fordern".

Sogar über die Gedanken! Und dies ausgesprochen vor ein paar hundert Intellektuellen, Politikern und Journalisten, die in Frankreich – die Kommunisten eingeschlossen – Denk- und Redefreiheit als etwas Selbstverständliches genießen!

Von dieser Freiheit macht Kravchenko reichlich Gebrauch. In fortwährenden Unterbrechungen Greniers, der alles, was er vorbringt, aus Büchern und Broschüren belegt, die das Imprimatur der Partei besitzen. Er antwortet Grenier Punkt für Punkt und wiederholt dabei mehr oder weniger, was in dem Buch steht, dessen Verfasserschaft man ihm abstreitet, so daß man glauben darf, daß er es wenigstens gelesen hat, denn selbst das hat die Verteidigung der Angeklagten zu bezweifeln gewagt.

Pierre Courtade, der nächste kommunistische Zeuge der Verteidigung geht nicht so weit. Im Gegenteil, man hört aus dem Munde dieses literarisch geschätzten, hochbegabten Novellisten, daß Kravchenko ganz gewiß der Verfasser eines bedeutenden Teils von "Ich wählte die Freiheit" sei. Nämlich der ganz persönlichen Episoden, auch derjenigen, in denen er die Gewissensnöte schildere, die Kravchenkos Eintritt in die Partei und seinen späteren Verrat an dieser begleitet hätten. Aber alle Kapitel, in denen das Sowjetregime angegriffen sei, stammten von "anderer Hand". Mit dieser, "anderen Hand" ist der amerikanische Geheimdienst gemeint. Ein Kind hätte es begriffen. So fein kann man mit Knüppeln reden...!

Zum Schluß sei noch das befremdende Auftreten eines "linksgerichteten" Katholiken erwähnt. Dieser Zeuge, dessen physische Häßlichkeit an Kubinsche Spukgestalten erinnerte und dessen Name verschwiegen sei, gab unter peinlichem Stottern seiner tiefen Beunruhigung über Kravchenkos "allzu intensives" Verhältnis zu den Frauen Ausdruck. Angesichts der verbrecherischen Vernachlässigung, welcher die Natur sich an diesem Unglücklichen schuldig gemacht hat, ohne ihn wenigstens mit reichen Gaben des Geistes zu entschädigen, stellte seine Aussage große Anforderungen an die Bezähmung unserer Lachnerven, die, alles in allem, an diesem zweiten Tag des Prozesses nicht zu kurz gekommen sind.

Gleich nach Eröffnung der dritten Sitzung gelingt es der Verteidigung, Kravchenko in Verlegenheit zu bringen. Hatte dieser nicht behauptet, Ordjonikidze sei auf Befehl des Kreml aus dem Gedächtnis aller Sowjetbürger gestrichen worden? Triumphierend zeigt der Anwalt der Lettres Françaises einen Atlas. Sieben Städte des Sowjetempire tragen den Namen Ordjonikidzes! Sieben!

Kravchenko. zuckt nur die Achsel, und man weiß nicht, was dies bedeuten soll. Er sieht müde und abgekämpft aus. schon ehe das Gefecht beginnt.