Die deutsche Aus- und Einfuhr von Stahl wirft zahlreiche finanzielle und wirtschaftliche Probleme auf, die je nach dem Blickpunkt des Betrachters verschieden beurteilt werden. Bei der für das zweite Marshall-Plan-Jahr vorgesehenen Herabsetzung der deutschen Stahl-Exportquote gehen die Besatzungsmächte wohl von der Auffassung aus, daß der dadurch entstehende Ausfall auf dem Weltmarkt durch andere Länder oder auf andere Weise gedeckt werden kann. Die deutsche eisenschaffende Industrie sieht eine Senkung der jährlichen Quote (350 000 t) ungern, weil sie an der Ausfuhr allgemein und jetzt infolge der hohen Weltmarktpreise ganz besonders interessiert ist. Bei einem durch den Export zu erzielenden Mehrerlös bis 100 DM und mehr je Tonne hat sie die Möglichkeit, ihre unausgeglichene Unkostenrechnung zu verbessern, was für sie natürlich von großer Bedeutung ist.

Die Verminderung des Mehrerlöses hängt von dem noch nicht genau feststehenden Ausmaß der Herabsetzung der Ausfuhrquote ab und verstärkt die Rentabilitätssorgen der Industrie, deren heutiger Export, prozentual gerechnet, nur einen Bruchteil des früheren beträgt. Für die Verbraucher und vor allem für die eisenverarbeitende Industrie in Deutschland liegen die Verhältnisse anders. Bei dem großen nicht zu deckenden Stahlbedarf ist das Mehrangebot von jeder Tonne inländischen Stahls willkommen.

Wie der Stahlexport infolge der Weltmarktpreise bessere Erlöse bringt, bedingt die Einfuhr von Stahl im Rahmen des Marshall-Planes und auf Grund von Handelsverträgen (wie z. B. mit Frankreich) wesentlich höhere Aufwendungen. Ähnlich wie bei der Abrechnung der Einfuhr von Lebensmitteln zum 30-Cents-Kurs taucht hier das Problem auf, wie die importierten Stahlmengen, die dem derzeitigen Export ungefähr die Waage halten, im Kontingent und im Preis behandelt werden sollen. Hierüber sind schon eingehende Besprechungen geführt und mancherlei Pläne erörtert worden, ohne daß man zu einem Ergebnis gekommen ist. Die bisher ausgeführte deutsche Stahlmenge, die jetzt in den Westzonen verbleibt, könnte allerdings die Einfuhr bereits entsprechend verringern, wodurch, volkswirtschaftlich gesehen, kein Schaden entstehen würde.

J. Sch.