Als der sowjetische Delegierte Malik in Lake Success den Antrag stellte, der Weltsicherheitsrat solle Oberst Flückiger, den ehemaligen schweizer Gesandten in Moskau, zum Gouverneur von Triest ernennen, erfuhr er, daß die Westmächte nicht mehr bereit sind, an ihrem eigenen Vorschlag festzuhalten. Die sowjetische Zustimmung für den von England einmal vorgeschlagenen Kandidaten, Oberst Flückiger, "kommt leider 18 Monate zu spät", hieß es in einer britischen Erklärung. Der amerikanische Delegierte Austin äußerte, der Charakter der jugoslawischen Zone von Triest habe sich inzwischen vollständig gewandelt. Durch ihre praktisch vollzogene Einverleibung in den jugoslawischen Polizeistaat sei ein unabhängiges, demokratisches Statut für das Gebiet von Triest unmöglich gemacht worden.

In der Tat haben die Vereinigten Staaten, Frankreich und England bereits im letzten März der Sowjetunion vorgeschlagen, den italienischen Friedensvertrag zu revidieren und Triest an Italien zurückzugeben. Damals legte man diesen Schritt allgemein als ein Unterstützungsmanöver der Westmächte für die nichtkommunistischen italienischen Parteien in den bevorstehenden Wahlen aus. Eine ernste Befürchtung aber, daß die Verwaltung Triests – so wie sie im Juli 1946 von den Großen Vier beschlossen worden war – unmöglich sei, muß schon in jenem Zeitpunkt in Washington, London und Paris geherrscht haben. Bis heute kann sie sich nur noch verstärkt haben. Denn jetzt ist es für alle klar, daß die Ernennung eines Gouverneurs von Triest unweigerlich zu einer vollkommenen Sowjetisierung des ganzen "Freistaates" führen würde. In diesem Falle müßten nämlich die 10 000 Mann britischer und amerikanischer Truppen aus der Zone "A" zurückgezogen werden, und es wäre für Tito ein Leichtes, von seiner Zone "B" aus mit der 5000 Mann starken Volksmiliz den Rest von Triest zu erobern, oder zumindest dies zu versuchen, was einen Bürgerkrieg entfesseln würde.

Die Errichtung eines Freistaates Triest, dessen Unabhängigkeit und Unantastbarkeit von den Vereinigten Nationen garantiert werden sollte, war – wie die meisten Nachkriegslösungen der Alliierten – ein Kompromiß, der von vornherein nur sehr wenig Aussichten auf Erfolg hatte. Vor der Einigung setzten sich die Vereinigten Staaten, England und Frankreich dafür ein, daß Italien Triest behalten sollte. Die Sowjetunion dagegen wollte den wichtigen Hafen für Jugoslawien sichern.

Es war im Sommer 1946, als auf der Pariser Konferenz der vier Außenminister der damalige französische Premier- und Außenminister Bidault einen überraschenden Kompromißvorschlag machte, der sich mehr dem sowjetischen als dem westlichen Standpunkt näherte. Manche Beobachter waren geneigt, Bidaults Schritt in unmittelbare Verbindung mit den ausgebrochenen Streiks der von den Kommunisten beherrschten Gewerkschaften in Frankreich – über die die Regierung zu stolpern drohte –, in Verbindung zu bringen. Wie dem auch sei, die Außenminister einigten sich über den Kompromißvorschlag, und die Streiks wurden – genau so unerwartet wie Bidaults Vorschlag – abgeblasen.

Triest stellt keinen Einzelfall dar. Die Entwicklung in Deutschland, Österreich und Korea bringt die gleichen Gefahren mit sich. Die Folgen solcher leichtfertig abgeschlossenen Kriegs- und Nachkriegsabmachungen der ehemaligen Alliierten haben die Triestiner und Millionen andere jetzt und für unabsehbare Zeit zu ertragen. Und es bedarf eines starken Optimismus und einer großen Phantasie, um zu hoffen, daß einmal dieses Chaos in Ordnung gebracht werden könnte. -ew