Der dies aus dem Rheinland schreibt, ist – obwohl Rheinländer – nicht mit Rheinwasser getauft. Von dort, wo er getauft wurde, konnte er, wenn er auf die Hügel stieg, immerhin den Kölner Dom sehen. "Den Dom sehen" war eine Begebenheit mit einer Gefühlsmischung von Profanem und Sakralem. Obwohl der Schreiber evangelisch war, gehörte auch ihm der katholische Dom zum unveräußerlichen Besitz, zu dem, was studierte Leute rheinische Irrationalität nennen.

Irrational, unvernünftig, unberechenbar ist auch der Karneval, in der Kölner Mundart "Fasteleer" oder "Fastelovend" genannt, der sich im Schatten der Domtürme Jahr für Jahr abspielt und der im gesamten Rheinland wie die Gezeiten kommt, alles auf den Kopf stellt, alles mitreißt. Als der Evangelische aus dem Bergischen vor fast-zwanzig Jahren, da in Deutschland das Arbeitslosenheer schon in die Millionen ging, als Jüngling auf der Domtreppe plötzlich von einem wildfremden Mädchen "geknutscht" und "gebützt" wurde und das Volk beim Anmarsch der Gecken-Kavalkade, nämlich des Rosonmontagszuges immerzu wie besessen schrie: "Dr Zog kütt! Dr Zog künn", schon damals wurde es ihm klar, daß im Kölner Karneval etwas vorgeht, was mit der Vernunft nicht zu begreifen ist...

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Niemand kann aus seiner Haut. Auch der Rheinländer nicht. Er war der am wenigsten disziplinierte Soldat (behaupteten die wenigsten aber er war der schlaueste und hatte den unverwüstlichen Humor (sagt er auch selber), Wenn der Unteroffizier einen Befehl gab, dann sagten der Ostpreuße und der Mecklenburger (nichts gegen sie): "Jawoll, Herr Unteroffizier!" Der Kölner sagte: "Warum, Herr Unteroffizier? Der das sein, Herr Unteroffizier?" Selbst den Schlägen Dingen des Lebens ein Gutes abzugewinnen, dem Teufel noch etwas Positives abzuknöpfen, das entspricht seiner Art. Er ist, wie man weiß, ein Produkt seiner Landschaft, in der sich nun einmal. "Rhein" auf "Wein" reimt. Bei ihm reimt sich noch einiges dazu. Auch das Leben reimt sich. Auch das lieben?

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Wenn der Kölner in den schlimmen Jahren des Krieges über tausend "Vollalarme" und hundertsieben – schwerste Luftangriffe erlebte, wenn sich schließlich vierzehn Millionen Kubikmeter Schutt um ihn türmten, wenn Ende 1946 noch vierzigtausend Familien ohne eigene Kochgelegenheit waren, wenn sie im Frühjahr 1947 noch täglich – wohlgemerkt: täglich! – achtzehntausend Zentner Briketts von den Güterwagen der Eisenbahn "fringsten" (ein Wort, dem der Name ihres populären Kardinals Pate stand, der damals eine Art Notstand proklamierte), wenn bei der verordneten Hungerkur noch Anfang nur achthundert Kalorien täglich zugeteilt wurden und er trotzdem – vielleicht geschah es in einem Anfall von Zynismus und Galgenhumor – Karneval feierte, und zwar nicht zu knapp, dann muß es mit seiner inneren fromme, zuweilen sehr fromme, dieser ein bißchen arrogante, dieser gelegentlich verschlagene Mensch hat eines nie verloren: den Humor Denn dieses hat er mit dem vielgescholtenen, vielgelästerten, vielgeliebten Berliner gemeinsam, zwar mit anderen Vorzeichen, mit Temperamentsunterschieden: Herz und Schnauze. In den Tagen des Karnevals wird es offenbar: die scharfe Essenz dieser Stadt von Weihrauch und Kölnisch Wasser, von spitzer Zunge und gütiger Nachsicht. Dies ist das Spezifische des Kölner Karnevals: laut und deftig und derb zu lachen. Über wen?

Über jeden und alles! Zuerst aber über sich selbst! Zuerst über den Blödsinn, den Tiefsinn, den Hintersinn und Unsinn dessen, was man so leichthin und obenhin das Leben nennt!