Eine Dakota der französischen Luftwaffe steigt von Saigon in Indochina zu einem Flug südwärts auf; sorglos mag die Besatzung die unter ihr vorbeiziehende Landschaft von kleinen Reisfeldern zwischen Sümpfen und Dschungeln betrachtet haben – sorglos, denn hier im Süden lauern nicht die Gefahren des "brennenden Dschungels" wie im Norden. Der Beobachter der Maschine läßt über einem Flußtal tiefer kurven, wohl um sich besser orientieren zu können. Da sieht er vor sich drei, vier Wölkchen, die jeder Kriegsflieger so gut vom Überfliegen feindlicher Flakstellungen kennt. Ehe der Pilot noch abdrehen kann, zerfetzt eine Granate – eine feindliche Flakgranate hier tief im "friedlichen Süden"! – die linke Tragfläche und die Maschine stürzt ab, versinkt in den brodelnden Sümpfen.

Während die Guerillakämpfe sich immer weiter über das ganze riesige Gebiet von der chinesischen Grenze bis zum Golf von Bengalen ausdehnen und die 115 000 Mann starke französische Armee erneut in die Verteidigung gedrängt wird, fühlt sich General Xuan, Ministerpräsident der von den Franzosen eingesetzten Vietnamregierung, in seiner Hauptstadt Saigon nicht mehr sicher, in der am hellen Tage Kinos in die Luft fliegen. Seine Autorität und die der Vietnamregierung, von der Frankreich eine endliche Befriedung seines Besitzes in Südostasien erhoffte, schwindet auch bei den loyalsten Anhängern der französischen Herrschaft dahin.

Dies ist die Lage in Indochina. Die unauflösbare Verflechtung allen Geschehens rund um den Globus zeigt sich auch in diesem Land, obgleich es auf drei Seiten vom Meer und auf der vierten durch hohe Gebirge abgeschlossen, geographisch von seiner Umwelt isoliert scheint. Und dennoch hat, was hier geschieht, seinen Ursprung und seine Folgen in Mukden und Hongkong, in Paris und Cannes und im fernen Washington.

Die Siege der kommunistischen Armeen in China haben die nationalistische Vietminh-Regierung zu neuer Aktivität ermuntert. In einer Rundfunkansprache dementierte der Diktator Vietminhs, Ho Chi Minh, zwar den von amerikanischen Agenturen gemeldeten Abschluß eines Geheimabkommens mit den chinesischen Kommunisten, er betonte aber gleichzeitig, daß "die Erbfolge der chinesischen Freiheitsarmee große Bedeutung für die Lösung des französisch-vietnamesischen Problems haben werden". Gleichzeitig kündigte der Oberkommandierende der Vietminh-Armee, General Van Nguyen Giap, eine Gegenoffensive gegen die "französischen Kolonialisten" an.

Diese Entwicklung erfüllt die französische Regierung mit Sorge. Sie braucht Ruhe in Indochina, um die beträchtlichen Lasten des Kolonialkrieges, die mit 280 Millionen Dollar In diesjährigen Militärbudget veranschlagt werden, herabmindern zu können und um die Rohstoffe des reichen Landes endlich für die französische Wirtschaft nutzbar zumachen. Sie braucht aber auch eine friedliche Lösung der indochinesischen Frage aus außenpolitischen Gründen, denn sie verkennt nicht, daß die Vereinigten Staaten an einer baldigen Regelung ein starkes Interesse haben, das durch häufige Anfragen des amerikanischen Botschafters in Paris und ärgerliche Artikel der amerikanischen Presse über den "französischen Kolonialimperialismus" deutlich genug dokumentiert wird. Die amerikanische Regierung sieht mit wachsendem Unbehagen, wie die Kämpfe in Indochina die Welle des Kommunismus in Südostasien anschwellen lassen, wie Burma und Siam davon in Mitleidenschaft gezogen werden und die Lieferungen strategischer Rohstoffe für die USA am diesen Gebieten immer stärker zurückgehen. Sie wünscht daher dringend die Herstellung stabiler Verhältnisse, durch die dem Nationalismus ein Ventil geöffnet und dem Kommunismus der Boden entzogen wird.

Frankreichs Hoher Kommissar für Indochina, Pignon, hat im Januar versucht, mit dem in Cannes weilenden Exkaiser von Annam, Bao Dai, ein Abkommen zu schließen, das diesen an die Spitze eines im Rahmen der "Union Frau" caise" weitgehenden selbständigen Indochinas stellen soll. Bao Dai ist wohl die einzige Persönlichkeit, die die verwirrten Fäden lösen konnte, Er erfreut sich größter Hochschätzung nicht nur sei den französischen Behörden und der Bevölkerung Annams, sondern genießt auch das Vertrauen der Anhänger Ho Chi Minhs und hat in Amerika eine gute Presse. Aber wird Bao Dai dem französischen Plan zustimmen? Er hat 40 Tage Bedenkzeit gefordert und seine Bedingungen gestellt: Vereinigung ganz Indochinas einschließlich Cochinchinas, eigene Armee, eigene diplomatische Vertretungen. Ihre Erfüllung würde für Frankreich die Aufgabe des kolonialen Statuts für Cochinchina bedeuten und vor allem eine Umgestaltung der Konzeption der "Union Française" nötig machen, die bisher bei innerer Autonomie die Verteidigung und Vertretung nach außen dem Mutterland vorbehielt. Ein Ausnahmezustand für Indochina würde aber entsprechende Forderungen aus anderen Teilen des Französischen Empire nach sich ziehen: aus Madagaskar, aus Marokko, aus dem Senegal, Forderungen, die die meisten französischen Parteien ablehnen. Die Krise Indochinas könnte damit zu einer Krise der Regierung Queuille werden.

Peter H. Schulze