Die verstimmte Kniegeige im Quartett der alliierten Militärgouverneure von Deutschland bevorzugt seit jeher das Solostück. Und mag sie auch – bei jedem Ton sich streng an die aus Moskau eintreffenden Noten haltend – in den Ohren der deutschen Zuhörer besonders disharmonisch klingen: Auf jeden Fall spielt Wassili Danilowitch Sokolowski sie mit Bravour. Der Oberste Chef der Sowjetischen Militäradministration und Oberfehlshaber der sowjetischen Truppen in Deutschland liebt den Militärmarsch mehr als jedes diplomatische Menuett und zog sich selbst auf dem Parkett nicht die Soldatenstiefel aus. Sein Einzug an der Spitze einer kämpfenden Armee der Heeresgruppe Schukow in die Ruinen Berlins war ebenso eindrucksvoll wie drei Jahre später sein Exodus aus dem Kontrollrat. Die Gegner im Berliner Konflikt scheinen sich trotz der noch nicht abgeblasenen Friedensoffensive des Kremls vorerst eingegraben zu haben. Die Zeiten, in denen der fünfzigjährige Marschall seine ebenso berüchtigten wie beliebten Empfänge im Cäcilienhof gab, auf welchen er bis zu 3000 Personen bewirtete und die Tische sich unter der Last der Speisen und Getränke bogen, die Zeiten, in denen ihm General König das Kreuz der Ehrenlegion an die Brust heftete und er dem General Clay beteuerte: "Wir waren immer gute Freunde, und ich hoffe, daß wir es immer bleiben werden" – diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Inzwischen hat es sich Sokolowski nicht nur gefallen lassen müssen, wegen zu schnellen Fahrens im US-Sektor von amerikanischer MP eine halbe Stunde lang in Gewahrsam genommen zu werden, sondern auch die Äußerungen seiner westlichen Kollegen über ihn sind anzüglich und voller Spitzen. Er selbst redet nicht soviel wie sie, dafür dann um so unzweideutiger. Auch sein scharfer, offener Blick hat nichts von dem wägenden Zug der Diplomaten.

Die Zucht einer harten militärischen Schule, ein außergewöhnliches Maß von Selbstdisziplin, Willenskraft und Konsequenz haben das Profil des Mannes mit der Hakennase geformt. Aus seinem energischen, herrenmäßigen Gesicht spricht keinerlei politischer Fanatismus. Es wirkt, genau wie seine bürgerlichen Umgangsformen, eher westlich als östlich. So westlich, daß eine Meldung der Züricher "Tat" aus Wien nicht unwahrscheinlich klingt, die wissen will, der "Marschall der Sowjetunion" habe sich im ersten Weltkrieg als k. u. k. Oberleutnant der Reserve im Leiblehen Feldkanonenregiment auf dem südwestlichen Kriegsschauplatz ausgezeichnet. Darüber hinaus folgte dieser Behauptung kein sowjetisches Dementi, und auch in den sowjetamtlichen Biographien findet sich über Sokolowskis erste Lebenshälfte nur die lakonische Bemerkung, daß er, aus kleinen Verhältnissen stammend, schon früh in der Revolution zur Roten Armee gestoßen sei. Die Aufzählung seiner Heldentaten im zweiten Weltkrieg ist ungleich ausführlicher: Moskau, Stalingrad, die Ukraine, Wjasma, der Oderübergang bei Küstrin und schließlich die Reichshauptstadt. Wiederholt wurde der Marschall in den Tagesbefehlen Stalins erwähnt. 42 Sowjetorden schmücken auf der Paradeuniform seine breite Brust; darunter schon einige für seine Verdienste im Kalten Krieg.

Trotz alledem aber ist es ein offenes Geheimnis, daß sich im letzten halben Jahr des Marschalls Machtbereich verengt hat. – Erfolgreiche Generale eines Revolutionsstaates, der stets einen Bonapartismus fürchtet, können selten vorsichtig genug sein. Moskau jedenfalls läßt seine Pro-Konsuln im Ausland nicht gern allzu mächtig werden. Schukow mußte das erfahren, und Sokolowski darf es nicht vergessen. Schon wird ihm der Vorwurf zu großer Konzilianz gemacht, Schon existiert nach Mitteilung gut unterrichteter Kreise in Karlshorst eine Schattenregierung des MVD. Und schon soll Oberst Tulpanow gesagt haben: "Der Marschall ist ein verdienter Rotarmist, aber ein wenig guter Kommunist..."