Von Stefan Vollrath

Wenn der Nord- oder Ostdeutsche vom Kölner Karneval oder vom Münchner Fasching hört- – und gar in der heutigen Zeit! –, dann schüttelt er den Kopf und weiß nicht, was er damit anfangen soll. Seine solide Schwere sieht darin nichts als Leichtfertigkeit, ähnlich wie der in lauter Disziplin und Korrektheit eingeschnürte Preuße des "guten alten Schlags" den Österreicher, besonders den Wiener, als salopp oder der Deutsche gemeinhin den Franzosen als leichtlebig empfindet. Umgekehrt geht es den solcherart einigermaßen Verkannten so, daß sie im Umgang mit den strengen Richtern oft einen schwer widerstehlichen Anreiz zum Gähnen verspüren und den unerschütterlichen Ernst des anderen recht herzlich langweilig finden.

Die Kunst der Leichtigkeit, der liebenswürdigen Lässigkeit, der Entspanntheit, die sich in Heiterkeit umsetzt, ist eine Begabungssache. Gewissen Volkscharakteren ist das Talent dazu in hohem Grade versagt, anderen ist es in ebenso hohem Grade gegeben. Sie ist fast immer und grundsätzlich mit einer lebhaften Intelligenz und starken Phantasie verbunden. Sie verleiht nicht nur Überlegenheit, sondern ist auch von vornherein das Symptom einer gewissen Souveränität – nämlich dem Leben gegenüber. Die Blüten dieser Begabung, dieser Lebenskunst sind: Humor, Witz, Ironie, Scherz – und schließlich auch, wenn alle Ventile geöffnet werden, eine solenne allgemeine Albernheit als elementare Antwort auf den ständigen Angriff des Ernstes.

– Es ist nämlich ein weit verbreiteter Irrtum, daß die verschiedenen Arten der Leichtigkeit am "Ernst des Lebens" vorbeigingen. Dann wären sie Ausgeburten der Dummheit und der Bewußtseinstrübung. Dem widerspricht schon die Tatsache, daß Humor, Witz und deren Abarten sich nur auf höheren Entwicklungsstufen der Intelligenz einfinden und immer im Zusammenhang mit erhöhter Bewußtheit stehen. Sie sind nur dem menschlichen Individuum eigen und darum auch jedem Kollektiv – das beim Menschen ein Atavismus ist – fremd. Die "Masse", die stets ohne eigentliches Bewußtsein ist, ist humorlos.

Wir kennen die weisen Narren des Mittelalters. Weise aber ist es auch, in der "albernen" Ausgelassenheit des Karnevals die im ernsten Alltag ständig unterdrückte Vitalität zu entbinden; weiser, als sie als ausweglos angestaute "Komplexe" durchs ganze Jahr zu schleppen – wodurch die Mißgelauntheit des menschlichen Verkehrs, die Säuerlichkeit des Bürokratismus, die Dumpfheit und Dürftigkeit des Spießertums entsteht.

Leichtigkeit ist vor allem Gegensatz eben des Spießertums. Und darum haßt der eingefleischte Spießer sie so inbrünstig. Der Gegensatz hat einen tieferen Grund, als man meinen sollte. Er wurzelt in nichts Geringerem als in der Weltansicht. Das Wesen des Spießertums nämlich ist der platte Optimismus, der das Bestehende, also die Welt, wie sie ist, durchaus gut und angenehm findet. Die Leichtigkeit dagegen ist eine elegante Art, der pessimistischen Grundansicht von der Schäbigkeit des Allzumenschlichen, von der traurigen Unzulänglichkeit und darum. Besserungs- und Erlösungsbedürftigkeit der Welt Flügel zu leihen und gerade dem Spießer zugleich mit dem Spiegelbild der Lebensfratze (man denke an manche groteske Maske der Karnevalszüge) das Gegenbild der Gelöstheit des "Wissenden" vorzuhalten.

So viele Varianten der Leichtigkeit, der Heiterkeit, des Humors, des Witzes es auch gibt – die können fein, zart, derb, grob, grimmig, phantastisch, skurril, melancholisch, ja, der Situation des Galgenanwärters würdig sein –, sie basieren die, wie die Weisheit jener historischen Berufsharren, auf pessimistischer Weltansicht. Ob wir Rabelais, Cervantes, Lichtenberg, Tillier, Dickens, Twain, Daumier oder Ljeskoff, ob wir Busch Oder Ringelnatz zur Hand nehmen: überall begegnen wir den Bildern menschlicher Schwäche, nenschlicher Kleinheit, menschlicher Jämmerlichkeit, menschlichen Elends. Auch wo diese Bilder ozusagen "mit Behagen" gemalt sind, ist es das Sehagen des Künstlers, des Dichters am Reiz der erschauten Wirklichkeit, nicht das Behagen Am Wesen der Sache. Und auch wo das Resümee Eine milde Versöhnlichkeit ist, bleibt diese als Errungenschaft kenntlich, nicht als Vorausetzung.