Veit Harlan, als Regisseur des Films ,,Jud Süß" angeklagt, beantragte vor Beginn der Hamburger Verhandlung, es solle dem Gericht auch der englische Film "Oliver Twist" vorgeführt werden. Seinem Antrag wurde stattgegeben. Dieser Film lief zwei Tage lang in Berlin. Nur zwei Tage...

K. W., Berlin, Anfang März

Als vom Kurfürstendamm her Steine gegen die "Kurbel" flogen, in der der britische Film "Oliver Twist" gespielt wurde, als eine Steinschlicht zwischen Polizei und Demonstranten in den letzten Februartagen mit mehr als fünfzig Verletzten auf beiden Seiten geendet hatte, war für Berlin, die problemreichste der Städte, ein neues Problem gestellt: das Problem des Antisemitismus. Der Film wurde nach zwei Spieltagen nicht mehr gespielt – aber dies besagt wenig über die Vorgänge, die um ihn abgerollt sind. Es ist ein englischer Spitzenfilm, König Georg hat ihn mit einem Sonderpreis bedacht, und der britische Klassiker Charles Dickens lieferte den Stoff. Selbstverständlich kommt in England nicht der Schatten einer Versuchung auf, diesen Film als einen antijüdischen Film zu empfinden.

Doch da liegt das Deutschland der Jahre zwischen 1933 und 1945 dazwischen – und dieses Deutschland hat der schicksalsschweren jüdischen Geschlichte ein trauriges und grausames Kapitel hinzugefügt. Die Engländer sagen, indem sie die Genehmigung für die Zulassung des Films in Deutschland begründen, Fagin, der Jude des Dickens-Films, sei eine Randfigur, und die Hauptfigur von Film und Roman, der wirkliche Verbrecher, sei ein Engländer. Im freien Gespräch zwischen Mann und Mann müßte dies allerdings eine entwaffnende Argumentation sein. In der Dunstluft des Nachkriegs, die von Anschuldigungen, Vorwürfen, Verdächtigungen und wirklichen Anlässen zur Wachsamkeit geschwängert ist, verfängt – so zwiespältig ist unsere Situation – das großzügige Wort des Siegers nicht.

Vielleicht, ja sicher, hat man es falsch angefangen. Zuerst waren Inserate da in den Berliner West-Zeitungen, in denen nichts stand als das Wort "Oliver Twist", und eines Tages – der Film war schon angelaufen – erfuhr der Leser mehr: "Oliver Twist, täglich 2, 4, 6 und 8 Uhr in der ‚Kurbel‘". Die Filmkritiker der Zeitungen aber waren diesmal nicht wie es sonst der Brauch, ist, eingeladen worden. So stand keine Rezension in den Blättern, also lief der Film, und nichts geschah. Aber an einem Sonntag, zwei Tage danach, schrieb eine große und sehr bekannte Zeitung, es sei eine grobe Geschmacklosigkeit, in diesen Tagen Berlin einen Film zu bieten, der Veit Harlan in seinem Hamburger Prozeß zur Entlastung dienen solle. Dies war das Signal für die zerbrochenen Fensterscheiben, die abgerissenen Plakate, die erbrochenen Türen. Die Vahl des Kinos für diesen Film war besonders delikat. Es liegt nämlich wenige Schritte von der Straßenkreuzung am Kurfürstendamm entfernt, die der stadtbekannte Sammelpunkt jener displaced persans ist, die das Schwarzmarktgeschäft der Millionenstadt wesentlich beeinflussen. Aus ihren Reihen (die freilich bisher nicht zu den Besuchern des Films gehört hatten) rekrutierten sich überwiegend die Demonstrierenden. Die Proteste der jüdischen Gemeinde und einer Gruppe von Persönlichkeiten, zu denen der Oberbürgermeister Reuter, der CDU-Politiker Landsberg und die Schauspielerin Hilde Körber gehörten, kamen auf anderen, weniger drastischen Wegen. Ihre Proteste, die die Proteste einer politischen Gesinnung waren, brauchten sich nicht mit den Gummiknüppeln, den Wasserschläuchen und den vorsichtshalber entsicherten Pistolen der rechtmäßigen, zum Schutz des britischen Films mobilisierten Polizei zu konfrontieren.

Doch der Konflikt war da, und das Schlagwort war geboren: England begünstigt antisemitische, Stimmungen... Die Ostzeitungen hatten die lärmende Schlagzeile: "Britisch lizenzierte Rassenhetze am Kurfürstendamm", und die flüsternd ausgesprochene Gleichsetzung von Juden mit Schwarzmarkthändlern und Schiebern war eine andere Folge der Vorgänge. Ein drittes kam hinzu –: die britische Rank-Gesellschaft, die auf dem europäischen Filmmarkt in wachsendem Maße Konkurrent des amerikanischen Filmexports ist, sollte auf eine politisch-moralische Weise getroffen werden. Es war nützlich zu argumentieren, daß, ebenso wie in den Vereinigten Staaten, in der US-Zone "Oliver Twist" nicht aufgeführt werden dürfte. Also auch noch eine britisch-amerikanische Wirtschaftskontroverse...

Das Pflaster Berlins wird wahrlich um und am gepflügt. Ein neuer Probefall – welche Möglichkeiten der politischen Verwirrung in dieser Stadt liegen! – ist abgelaufen. Alles mag stimmen: daß "Oliver Twist" kein antisemitischer Film’sei, daß aber seine Vorführung in Berlin die politische Stimmung gefährde, daß die DP’s vom Kurfürstendamm nicht die legitimiertesten Demonstranten sind, daß aber in gleicher Weise das jüdische Schicksal jeden Respekt verlangt, daß die für sehr dringliche Aufgaben notwendige Westpolizei nicht in eine solche politische Zwiespältigkeit gedrängt werden darf und – last not least – gerade das politische Klima Berlins alle virulenten Triebe zur Oberfläche treibt. Alles das ist geschehen. Aber hoffentlich nicht mit dem Effekt, daß nun erst, nachdem darüber gesprochen und darum gelärmt worden ist, wieder ein Antisemitismus sich von einer bisher unsichtbaren Kette losgerissen hat.