Von Marion Stinze

Siebenhundert Schneiderinnen aus allen Zonen und vierzig Modefirmen waren bei der Hamburger Modewoche zugegen, abgesehen von all den Besuchern (um deretwillen ja schließlich doch – trotz aller Fachsimpelei – eine Modewoche stattfindet). Kluge Worte eines Senators eröffneten die Tagung. Er nannte die Mode "einen Motor für den technischen Fortschritt". Den Fortschritt der deutschen Mode sah man in der Errungenschaft der "klaren Linie". Klare Linie in Deutschland? Wahrhaftig ein Fortschritt!

Von der erschreckenden Plumpheit eines Vobach der dreißiger Jahre konnte ich nichts bemerken", schrieb die scharmante Schweizer Modespezialistin Giola, als ein deutsches Mode-Atelier nach dem Kriege in Zürich seine Modelle vorführen durfte. "Wo blieben die Wolldeckenmäntel und Kleider ,aus zwei mach eins‘. Die deutsche Mode zeigt sich in einem neuen Licht, und die Verwandlung des deutschen Aschenbrödels ist, verblüffend. Diese Modelle haben etwas von dem Scharm Frankreichs und sind doch typisch deutsch in ihren zarten und einfachen Linien." In der Schweiz also waren schon bald nach dem Kriege die Vorurteile gegen die deutschen Moden verschwunden. Auf der Hamburger Modetagung zeigte sich, daß auch wir Deutschen unser Vorurteil gegen die deutsche Variante des internationalen Modestiles aufgeben sollten ...

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Typisch deutsch ist es, daß die Damenschneiderinnung ihrem Kongreß-Erinnerungsblatt das Motto "Frauengestalten um Goethe" gab, daß sie Goethe einen "kleidungspsychologischen" Blick zubilligte und stolz auf drei Schneidermeister unter seinen Ahnen hinwies. So fand man die neue Version: "Goethe, der Modespezialist". Seine liebevolle Beschreibung der Kleider der Frauen, die ihn umgaben, beweisen – so ist in diesem Blatt zu lesen – ganz eindeutig, daß Goethes Bedeutung für das Schneiderhandwerk als berufserzieherischer und gewerbefördernder Faktor auf der Hand läge. (Aber welcher Berufsstand hat denn auch Goethe zum Goethe-Jahr noch nicht für sich entdeckt? Goethe, der Biologe; Goethe, der Beamte; Goethe, der Intendant; Goethe, der Politiker, und wenn sich sogar schon die Reklamefirmen bei ihrer Werbung auf ihn berufen, warum dann nicht auch: Goethe als Modefachmann?)

Während in Paris Christian Dior, der souveräne französische Modekönig und Vater des New Look, in diesem Jahr für La ligne ailée, die "geflügelte Linie", plädiert, wenn London die "controlled Elegance " vorzieht, zeigt die Mode in Hamburg "die klare Linie", bestechend in ihrer Eleganz und von raffinierter Einfachheit. – Über zarten Sandaletten aus Wildleder, über nylonbestrumpften Beinen schwingen 30 Zentimeter über dem Boden Glockenröcke, plissierte oder enge geschlitzte Rocke aus Wolle, aus reiner Seide, Moiré, Taft oder dem beliebten Manchester; die Taillen sind betont, und fast alle Kleider haben dreiviertellange Ärmel. Zarte Spitzenblusen aus weißer Seide, schwarze Phantasiekostüme mit Schößchen verdrängen in diesem Frühjahr die strengen Schneiderkostüme. Während die Vormittagskleider und mäntel einen beinahe sachlichen Stil entwickeln (mit großen Kragen und kleinen sportlichen Hüten), erinnern die Teekleider mit ihren rüschenbesetzten, gestraften Röcken und den spitzenüberrieselten Ausschnitten noch immer sehr an die Mode um 1900. Türkisfarbene Wollkleider, eierschalengelbe, weit fallende Sommermäntel, mit kostbarem Pelz verbrämt, handbemalte, schwerseidene Abendkleider mit Capes aus Velours-Transparent und kostbare Sommerpelze bewiesen eindeutig die Konkurrenzfähigkeit deutscher Modeindustrie mit dem Ausland. Taufrisch, aber gedämpft, wunderbar getönt und nie ganz bunt sind die Farben dieses Frühjahrs.

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