Schildbürger-Justiz

In einigem Ihr Gegner, lege ich gerade deshalb Wert darauf, Ihnen meine allerwärmste Zustimmung auszudrücken zu dem Protest Ihres Mitarbeiten A–th wider jene "Unzeitgemäße Justiz" (Nr. 10 vom 10, Februar), die gegen den ehemaligen Sanitätspfleger Walter Neff, weil er sich unterfing, "bei der befohlenen Auswahl für tödliche Experimente kriminelle Verbrecher statt der gewählten politischen Häftlinge einzutauschen Anklage erhebt, statt ihm dafür das goldene Ehrenzeichen für Akte sittlicher Tapferkeit zuzuerkennen. Das Landgericht, das ihn zu einem Monat Gefängnis verurteilte, handelte, schildbürgerlich. – Ich glaube, zu solcher Stellungnahme auch deshalb befugt zu sein, weil im 1933/34 während meiner Leidenszeit in der Hafthölle der Berliner Gestapo und in mehreren Konzentrationslagern Gelegenheit hatte, neben der Mehrheit der Bestien, eine Minderheit durchaus anständiger Nazis kennenzulernen, die sich sachlich und menschlich zu uns verhielten.

Dr. Kurt Hitler, London

Wieso Ost gegen West?"

Meine Freunde und ich haben uns aufrichtig, gefreut, als wir in IhrWochenzeitung einen so ausführlichen Bericht über den Kravchenko-Prozeß vorfanden, wie ihn sich nicht einmal jede der russischen Emigrantenzeitungen leisten kann.

Auch wir glauben, daß der Prozeß "weit mehr als nur eine persönliche Auseinandersetzung mit sensationellem Beigeschmack" ist. Wie aus der redaktionellen Notiz hervorgeht, sehen auch Sie hier eine nun einmal offen aus getragene Schlacht zwischen russischen Emigranten und dem Kommunismus. Doch weniger klar scheint dieser Sachverhalt Ihrem Berichterstatter Herrn J.-C. Saleck zu sein, wenn er den Prozeß Scharmützel zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR nennt und dem Bericht die Überschrift "Ost gegen West im Gerichtssaal" gibt.

"Wieso Ost gegen West?" fragen wir uns unwillkürlich. Etwa, weil Kravchenko inzwischen amerikanischer Bürger geworden ist? Sind es denn amerikanische Argumente, die er benutzt? Stellt er sich etwa auf den Standpunkt eines amerikanischen Demokraten? Oder spielt dabei das Interesse des amerikanischen Publikums an seinem Buch und am Prozeß eine Rolle? Warum, um Himmels willen, soll Kravchenko plötzlich eine "westliche" Mentalität bekommen haben? Der Wahrheit wäre besser gedient, wenn der Aufsatz etwa "Ost gegen Ost", "Rußland gegen UdSSR", "Freier Russe gegen Sowjetsklaven" benannt wäre.