Von unserem Skandinavien Korrespondenten

G. M., Kopenhagen, Anfang März

Die Fenster des Schlosses Christiansborg im Zentrum Kopenhagens, in welchem Reichstag und Außenministerium ihrenSitz haben, sind bis in die späte Nacht erleuchtet. In den Konferenzsälen herrscht eine fieberhafte Tätigkeit. Ministerkonferenzen und Ausschußsitzungen lösen einander ab.

Die Versuche, die hundertjährige Arbeit für eine Einheit des Nordens mit dem Abschluß eines nordischen Verteidigungspaktes zu krönen, haben Schiffbruch erlitten. In seiner letzten großen Rede vor dem Storting stellte Norwegens Außenminister Halvard Lange fest: "Die Alternative eines skandinavischen Verteidigungsbündnisses ist als praktische politische Möglichkeit fortgefallen." Und nachdem auch in den Besprechungen des dänischen Staatsministers Hedtoft mit dem schwedischen Staatsminister Erlander der Gedanke einer dänisch-schwedischen Allianz von beiden Teilen sehr schnell als "nicht möglich" verworfen wurde, gilt es jetzt für die Regierung in Kopenhagen, unter möglichst günstigen Bedingungen und unter möglichst großer Höflichkeit gen Osten, sich nach dem Westen zu orientieren. Da die beiden bürgerlichen Parteien sich bereits für einen Anschluß an den Atlantik-Pakt ausgesprochen haben und nun auch der Hauptvorstand der Sozialdemokraten, der stärksten. Partei im dänischen Reichstag, den Staatsminister Hedtoft ermächtigt hat, Verhandlungen über einen eventuellen Beitritt zu dem westlichen Verteidigungssystem zu führen, rechnet man damit, daß Dänemark dem Beispiel Norwegens folgen wird. "Die Sicherheit des Landes kann nur durch einen Anschluß an den Atlantik-Pakt garantiert werden", sagte Hedtoft. Trotzdem fühlt man sich heute in Kopenhagen vorläufig immer noch zwischen Scylla und Charybdis.

Mit ängstlicher Besorgnis beobachtet man in Kopenhagen, welche politischen Folgen der Schritt Norwegens zeitigen wird. Norwegens Antwort auf das Nichtangriffspaktangebot des Kreml steht noch aus. Es macht begreifliches diplomatisches Kopfzerbrechen, ein "Nein", das bereits praktisch vorweggenommen ist, in eine trotzdem für den Kreml annehmbare Form zu bringen. Die Rückkehr des russischen Generals Savonenko nach Helsinki wird als Auftakt zu sowjetischen politischen und militärischen Aktionen in Finnland gewertet. Eine Umbildung der Regierung. Fagerholm hält man für unvermeidbar. Alles dieses aber erinnert die Dänen daran, daß der Freund, auf dessen Hilfe man hofft, eine Ozeanbreite entfernt liegt, während derjenige, vor dem man Furcht hegt, an der Türschwelle des Hauses steht.

Welchen praktischen Wert haben Garantieversprechen? Ist es nicht von jeher das Schicksal der Kleinen gewesen, im entscheidenden Augenblick von den Größen im Stich gelassen zu -werden? Um eine Hilfe muß man erst ansuchen, dann muß sie bewilligt werden, dann kommt die Planung, dann die Organisation, dann der Transport und erst dann kann sie in Funktion treten. Dies alles erfordert Wochen und Monate. Und dabei wurde schon das letztemal vom Kontinent aus Polen in 18 Tagen überrannt, Dänemark und Südnorwegen, praktisch in Stunden, Belgien, Holland und Frankreich in wenigen Wochen und der Balkan in 14 Tagen. Würde es das nächstemal anders sein?

Diese kritische Nachdenklichkeit der Dänen kommt immer wieder zum Ausdruck. Man erinnert sich an den Ausspruch Churchills im Februar 1940, den norwegische Pressekorrespondenten nach einer Zusammenkunft mit dem damaligen britischen Premierminister an ihre Redaktionen kabelten: "Dänemark liegt Deutschland so nahe, daß man ihm unmöglich Hilfe bringen kann. Ich will es zumindest nicht übernehmen, Dänemark zu garantieren."

Heute ist es nicht mehr Deutschland, sondern die Sowjetunion, die als größte Landmacht Europas die Tuchfühlung mit Dänemark hat und die traditionelle dänische Neutralitätspolitik hat es in früheren Zeiten stets darauf angelegt, mit der größten Landmacht in offizieller Freundschaft auszukommen. Als Dänemark sich 1807 für Napoleon entschied, tat es dies, weil es den Krieg mit der Landmacht als für sich am gefährlichsten ansah. Als es 1914 auf deutschen Wunsch die Ostseeeingänge verminte, sagte der englische Gesandte in Kopenhagen dem dänischen Außenminister: "Das war das Klügste, was Sie tun konnten." Eine dänische Weigerung hätte England nämlich nicht mit Hilfe belohnen können. Aus diesen früheren Aspekten heraus ist eine gewisse Skepsis absolut verständlich. Heute jedoch sind die ideologischen Bindungen so stark, daß das Festhalten an der Linie der strategischen Vernunft für die dänische Regierung ausgeschlossen ist. Es gibt nur die Wahl des westlichen Weges. Alle Risiken können an diesem Umstände nichts ändern. "Während der deutschen Besetzung waren wir in der Lage, auf unsere Befreiung zu hoffen", schrieb kürzlich eine große dänische Zeitung. "Bei einer russischen Besetzung von nur wenigen Jahren aber würde es nichts mehr zu befreien geben."