Erst wenige Wochen sind verstrichen, seit Ministerpräsident Pandit Nehru die Initiative ergriff und eine Konferenz nach Neu Delhi einberief, um über die immer gefährlicher werdende Situation in Indonesien zu beraten. In diesen Tagen ist Neu Delhi abermals zum Schauplatz von Beratungen über einen anderen asiatischen Brandherd geworden. Vertreter Großbritanniens, Australiens und Ceylons sind dort mit Pandit Nehru in einen Meinungsaustausch über die Befriedung Burmas eingetreten.

Indienist unter der staatsmännischen Führung Pandit Nehrus in Asien immer stärker in den Vordergrund getreten, der Verantwortung, die in dem Erbe Gandhis liegt, voll bewußt. "Die Rettung der Welt liegt in der Befolgung von Gandhis Botschaft. Indien hat der Welt ein Licht zu bringen – beten wir zu Gott, daß wir dieses Auftrags würdig seien." So hat es Staatsminister Saidar Patel, in dem viele den "starken Mann" Indiens sehen, kürzlich formuliert.

In der Tat ist Gandhis Tod zur stärksten Triebkraft des neuen Indiens geworden; das missionarische Bewußtsein, das seitdem aus allen Worten indischer Staatsmänner spricht, hat den jungen Staat in dem einen Jahr seiner Selbständigkeit fast unbemerkt in eine Führerrolle in Asien hinein wachsen lassen, die ihn schon heute zu einem wesentlichen Faktor der Weltpolitik macht. Die großen Alliierten hatten diese Führung Asiens noch nach dem Krieg China zugesprochen – kein Mensch hatte damals an Indien gedacht. Noch in den ersten Monaten der Unabhängigkeit schienen Plünderungen, Ausschreitungen und Verfolgungen Zwischen Kasten und Religionen, die ihren Höhepunkt in der Ermordung Gandhis fanden, den Fachleuten rechtzugeben, die ein allgemeines Blutbad unvorstellbaren Ausmaßes für unvermeidlich hielten,sobald die britischen Truppen Indien verlassen hätten.

Statt dessen bewährte sich die Trennung der beiden großen Religionen in zwei verschiedene Staatsgebilde, Indische Union und Pakistan, als eine Friedensmöglichkeit. Die Reibungen zwischen den beiden Nachfolgern der britischen Herrschaft, die sich an dem Kaschmirproblem zu offenem Kampf erhitzten, konnten gerade in den leisten Monaten durch versöhnlich geführte Verhandlungen beigelegt werden.

So fand Indien Zeit, den Blick nach außen zu wenden – und sah wie es von allen Seiten als ein "großer Bruder" von den Völkern Asiens betrachtet wurde, die im Kampf um ihre Unabhängigkeit auf das indische Vorbild schauten. Es sah aber auch, daß diese Kämpfe der asiatischen Völker um ihre Freiheit in einer Welt stattfanden, die von wachsender Spannung zwischen den Weltmächten Sowjetunion und Vereinigte Staaten erfüllt war. Die staatsmännische Klugheil Nehrus ließ ihn die Gefahren einer Einbeziehung in die weltpolitischen Frontstellungen erkennen. Zwar fühlt sich Indien hinter der Mauer des Himalaya vor jedem Angriff aus dem Norden sicher, so daß Nehru glaubt, gute wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zur UdSSR ohne Gefahr unterhalten zu können.

In Innern jedoch versucht die herrschende Kongreßpartei, durch eine fortschrittliche Sozialpolitik eine revolutionäre Umformung der Gesellschaft zu verhindern. Kommunistische Tätigkeit wurde in vielen Staaten der Indischen Union verboten, und in Haiderabad. nach seiner Eroberung durch indische Truppen, gewaltsam unterdrückt. Es ist anzunehmen, daß der Kreml die: Führung Asiens durch Indien, wie sie kürzlich auf der Indonesien-Konferenz von Neu Delhi so deutlich hervortrat, nicht sehr gern sieht.

Noch etwas haben die sehr gemäßigten Beschlüsse dieser Konferenz gezeigt: daß Indien eine Zusammenarbeit mit dem Westen wünscht, und zwar für ganz Asien wünscht, soweit sie auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung aller Beteiligten erfolgt. Auch hier ist aber Indien einer allzu engen Bindung an einen der Machtblocks abgeneigt. Das Hauptgewicht der indischen Aufenpolitik liegt auf der Herstellung Freundschaftlicher Beziehungen zu den asiatischen Landen und einer Stärkung ihres weltpolitischen Gerichts im Rahmen eines unabhängigen regionalen Abkommens. Dabei ist es Indien gelungen, ein besonders gutes Verhältnis zu den islamischen Staaten zu finden, das in den Handelsverträgen mit Ägypten und Iran und einem in diesen Tagen verhandelten Freundschaftspakt mit Afghanistan seinen Niederschlag fand.