London, Anfang März

Der Mangel an jungen Dramatikern ist in England ebenso fühlbar wie in Deutschland. Aus dem spärlichen Nachwuchs ragt immerhin Terence Rattigan turmhoch heraus. Er hat sich vor allem durch sehr amüsante Komödien einen Namen gemacht, bevor er mit dem "Winsloe Boy in tiefere Kunstbereiche vorstieß. Gegenwärtig wird sein Schulstück "Playbill" mit großem Erfolg in London gespielt. Sein jüngstes Stück aber wurde mit großer Starbesetzung in Stratford uraufgeführt: – "Adventure Story".

Es ist die alte, ewig junge Geschichte von der ehrgeiz-getriebenen Welteroberung des jungen Alexander von Mazedonien. Seine Geschichte wird jedoch von einem Dichter erzählt, der den Aufstieg, Triumph und Zusammenbruch einer ähnlichen Ideologie aktiv miterlebt hat. Mir scheint, als ob dieses Erlebnis nicht so recht von Rattigan verdaut worden ist. Denn das Stück ist an unbehagliches Gemisch von zweifelhafter Geschichtsinterpretation, von schlechtverdauter Psychoanalyse, von klugen Kommentaren zur Tagespolitik und von einer nihilistischen Einsicht menschlicher Unzulänglichkeit. Shaw, Ibsen und Tolstoi haben bei diesem dramatischen Zeugungsakt Pate gestanden.

Alexander, der seinen Vater haßt, zieht aus,, diesen seinen Ödipuskomplex zu töten. Er trifft Dr. med. Pythia in Delphi, und man hofft nun auf ein paar Entkleidungsszenen der Madame Klio in memoriam G. B. Shaw. Vergebens. Die Welt muß ernsthaft erobert werden, wenn auch bereits beim Durchschneiden des gordischen Knotens die Worte fallen, daß die Konflikte dieser Welt nicht mit dem Schwert zu lösen sind. Dann folgt der Wüstenfeldzug gegen Darius, der einer antiken Interpretation der Libyenkampagne gleicht. Der Perserkönig muß sterben, damit der Nachfolger Alexander einen sehr ernsten Inzest mit der Königinmutter begeben kann. Danach wird aus Alexander eine satrapische Mischung von Heliogabal, Tamerlan und Adolf dem Einsamen. Die Freunde fallen an 30. Junis und 20. Julis, und wir sind gar nicht erstaunt zu hören, daß Alexander bis zum bitteren Ende allein gehen muß. Das Stück müßte eie deutsche Bühne reizen, da es eine Reihe hervorragender Rollen enthält. Alex Natan