Über Preissenkungen, Abkürzung der Warenwege, Senkung der Handelsspannen und diese Dinge ist nun wohl genug geredet und debattiert worden. Es hat auch keinen Zweck mehr, die Verantwortung immer erneut zwischen Industrie und Handel hin und her zu schieben, jetzt kommt es darauf an, daß praktische Erfolge erzielt werden, und zwar äußerst kurzfristig. Denn schließlich ist es kein Geheimnis, daß sonst mit einem weiteren Warten der an einer Ausgleichung des Lohn-Preisgefüges interessierten Kreise kaum mehr gerechnet werden kann.

Vor kurzem hatte der Leiter des deutschen Bergbaues, Generaldirektor Kost, die Spitzen der verschiedenen Wirtschaftszweige und -stufen zu einer Besprechung dieser dringendes Fragen gebeten. Es wäre falsch, wollte man darin etwa eine "Aktion" des Bergbaues sehen. Nicht darum ging es, sondern um den Versuch, maßgebende Leute einmal zu einer gemeinsamen Aussprache an den runden Tisch zu bringen. Zu einer solchen Anregung sind mangels gesamtwirtschaftlicher Verbände und Zusammenschlüsse andere Gremien heute nicht verfügbar. Denn die Aufgaben der Arbeitgeberverbände liegen auf sozialpolitischem, die der Wirtschaftsverbände besonders auf dem Gebiet der Produktions- und Handelspolitik, während die politischen Parteien zu sehr an taktische Erwägungen gebunden erscheinen. Dr. Kost handelte also aus persönlichem Verantwortungsbewußtsein heraus, und zwar in Erkenntnis der vor dem Unternehmertum stehenden Bewährungsprobe. Zugleich handelte er aber auch als Vertreter von etwa 1,5 Millionen Verbrauchern, die der Kohlenbergbau einschließlich der Familienangehörigen seiner Belegschaften repräsentiert.

Daß der Gedanke richtig war, wurde bewiesen, als sich im Essener "Kaiserhof" die Leiter der maßgebendsten Wirtschaftsvereinigungen Zusammengefunden hatten. Ob er erfolgreich sein wird, muß die nächste Zukunft zeigen. Es gibt nämlich nach übereinstimmender Meinung sehr wohl Möglichkeiten, die Preise fühlbar zu senken und damit einen Hauptgrund für die bestehenden sozialen Spannungen und die Gefahren einer eventuellen Lohn-Preisschraube zu beseitigen. Die Methoden werden verschieden sein: Die Industrie wird ihre Kalkulation im Hinblick auf die steigende Kapazitätsausnutzung und die erhöhten Pro-Kopf-Leistungen überprüfen und außerdem eine Verkürzung der Warenwege durch Ausschaltung überflüssiger Zwischenstufen und Belieferung ausschließlich anerkannter Groß- und Einzelhändler erstreben-. Der reguläre Handel sieht die Ursache für überhöhte Spannen ebenfalls im Zwischenhandel, den er von seiner Seite aus durch Ablehnung aller Geschäfte ohne Rechnungen oder mit Teilrechnungen sowie mit unbekannten Grossisten bekämpfen kann. Er wird ferner In der Preisbildung verantwortungslos handelnden Kaufleuten keine Rückendeckung geben, sondern im Gegenteil ihre Ausmerzung fördern.

"Es wird in den drei Westzonen zu viel gehandelt und zu wenig produziert" – diese Ansicht, gerade aus Kreisen der Verbrauchsgüterwirtschaft ist ebenfalls kennzeichnend dafür, wo der Hebel zunächst angesetzt werden muß. Soll man es als ein hoffnungsvolles Vorzeichen betrachten, daß trotz zeitweise heftigen Aufeinanderprallens der Meinungen einmütige Genugtuung über diese gemeinsame Zusammenkunft herrschte? Die einstimmig gefaßte Entschließung ging als Rundbrief an alle Verbände und angeschlossenen Gruppen. Er stellt mehr dar als einen bloßen Aufruf und eine unverbindliche Empfehlung. Er ist eine bindend eingegangene Verpflichtung. Nun wird es darauf ankommen, ob nicht nur einzelne einsichtige, sondern die übergroße Mehrzahl aller Unternehmer "auch unter Opfern" bereit sein wird, zu handeln.