Mit Speck fängt man Mäuse, sagten sich die Herren in Moskau und kauften in Finnland im Rahmen eines Kompensationsabkommens größere Mengen Speck. Die Vertreter der finnischen Bauernpartei waren erfreut ob dieser großzügigen Haltung ihres mächtigen Nachbarn und wurden nicht einmal hellhörig, als die "Volksdemokraten" genannten Kommunisten im finnischen Parlament dem Antrag der Bauernpartei zustimmten, die Preise für Speck und andere Agrarerzeugnisse zu erhöhen und die die Landwirtschaft bedrückenden Steuern zu senken. Die Spekulation, daß diese Maßnahme der in Moskau unbeliebten sozialistischen Regierung Fagerholm gefährlich werden würde, war nur allzu berechtigt. Das Ergebnis der aus technischen Gründen dreimal vorgenommenen Abstimmung ist für Fagerholm wenig schmeichelhaft. Zunächst blieb die Regierung mit 96:95 Stimmen in der Minderheit. Die zweite Abstimmung ergab Stimmengleichheit, und erst beim drittenmal bekam die Regierung mit 97 gegen 95 Stimmen ein Vertrauensvotum. Von den 200 Abgeordneten des finnischen Parlaments stehen die 56 Bauernparteiler und die 38 Volksdemokraten in der Opposition. Bei voller Besetzung des Hauses könnten also diese beiden Parteien allein die Regierung nicht stürzen. Auf seiten Fagerholms sind derzeit nicht nur die 54 Sozialisten und 5 Liberalen, sondern auch die 33 Abgeordneten der Rechten und die 14 Vertreter der schwedischen – Minderheit, weil sie die Regierung Fagerholm in ihrer Position gegen Moskau stützen wollen.

Die Bauernpartei hat sich unter Kekkonen – wie schon so oft, wenn sie glaubte, die wirtschaftlichen Interessen ihrer Wähler wahrnehmen zu müssen – über die außen- und staatspolitischen Notwendigkeiten hinweggesetzt und allein aus ihrer Preisscheren-Psychose heraus. gehandelt. Die Lage der finnischen Bauern hat sich in den letzten Monaten zweifellos verschlechtert, weil mit der Besserung der Versorgungslage die Preise für Lebensmittel gefallen sind, während andererseits die Preise für Düngemittel und andere Produktionsgüter steigen. Der Steuerdruck wächst und die Landarbeiter haben Lohnerhöhungen erhalten. Die Bauernpartei strebt daher nach einer radikalen Lösung und will vor allem an die Macht, obgleich bei der Haltung der anderen bürgerlichen Parteien dies nur mit den Stimmen der Kommunisten möglich wäre

Das dürftige Abstimmungsergebnis hat die Stellung der nach den Wahlen im Juli 1948 gebildeten sozialistischen Minderheitsregierung Fagerholm erschüttert, eine starke Regierung wäre aber jetzt von entscheidender Wichtigkeit, denn es ist anzunehmen, daß im Hinblick auf die Ereignisse in Norwegen Moskau im Rahmen des finnisch-russischen Beistandspaktes neuer Stützpunkte und andere militärische Hilfsstellungen fordern wird. Auch wenn Moskau wider Erwarten nicht so weit gehen sollte, muß man annehmen, daß die Regierung Fagerholm von Moskau aus immer stärker unter Druck gesetzt Werden wird. Moskaus Kritik an Fagerholm ist schon seit Monaten sehr scharf und erfindungsreich in ihren Vorwürfen. So wurden Wolfs-Jagden in Nordfinnland als angelsächsische Spionage versuche gedeutet, die Reisen finnischer Politiker nach Skandinavien argwöhnisch kritisiert Und der Moskauer Rundfunk spricht oft und gern von getarnten militärischen und halbmilitärischen Organisationen.

Wieder einmal steht Finnland im Kampf um seine Unabhängigkeit und sieht die Früchte seiner Bemühungen um den Wiederaufbau gefährdet. Die Regierung Fagerholm, die auf einer sozialistischen Minderheit basiert, kann nur weiterbestehen, wenn sie auf eine breitere Grundlage gestellt wird. Die beste Lösung in dieser kritischen außenpolitischen Situation wäre eine Koalition der Sozialisten mit allen bürgerlichen Parteien. Sogar in der Bauernpartei treten jetzt maßgebliche Kreise hierfür ein. W. G.