Von K. Döring

Das deutsche Flüchtlingselend sei eine Schuld – der Potsdamer Abkommen und könnte auch nicht durch deutsche. Selbsthilfe allein, sondern nur durch internationale Hilfsbereitschaft gelindert oder gar beseitigt werden. Diese Erkenntnis war das Resultat der Ersten Internationalen Flüchtlingskonferenz, die in Hamburg mit vielen Gästen des Auslandes stattfand.

Das Flüchtlingselend von heute ist unüberbietbar schlimm, aber man irrt, wenn man glaubt, all dieser Jammer sei erst in den jüngst vergangenen Jahren entstanden. Die Kalamitäten begannen in Europa schon als Folgeerscheinungen des Balkankrieges – : 1922 mußte die griechische Bevölkerung aus der Türkei fliehen, und zwar wollte es der Vertrag von Lausanne, daß 1,1 Million Griechen und 400 000 Türken "versetzt" werden sollten. 53 000 Bulgaren und 46 000 Griechen hatten ihre Heimat dann ebenfalls zu wechseln, weil es der Vertrag von Neuilly so bestimmte. Immerhin blieb es dem "Tausendjährigen Reich" vorbehalten, die Zahl von 620 000 politischen Flüchtlingen hervorzubringen. "Und das war für mich der Anfang, mich mit diesem Problem, dieser Zeiterscheinung, zu befassen", so sagte Hamburgs Bürgermeister Brauer in seiner englischen Begrüßungsrede der ersten internationalen Flüchtlingskonferenz in Deutschland.

Im Kaisersaal des Hamburger Rathauses saßen 70 Delegierte, zusammengerufen von der Ökumene, unter ihnen Vaugham Berry, Gebietsgouverneur von Hamburg, Brigadier Lingham aus Niedersachsen, Asbury von Schleswig-Holstein, Dr. Theodore Bachmann vom OMGUS, Probst Hogsbro, Bishop Larned (USA), Elfan Rees, der Direktor der Flüchtlingsabteilung im Weltkirchenrat, Marcel Sturm, Aum0nier, die Minister Albertz und Damm, Dr. Gerstenmaier, Leiter des Zentralbüros vom Evangelischen Hilfswerk, Landesbischof Lilje, Kirchenpräsident Martin Niemöller und Dr. O. Schreiber, der neuernannte Direktor der bizonalen Zentralstelle für das Flüchtlingswesen.

Unter den Rednern fiel die Persönlichkeit Martin Niemöllers besonders auf: "Wir haben bisher nur das getan, wovor wir uns nicht drücken konnten; wir, die Kirche, der Staat, Deutschland, die Welt. Wir haben die Flüchtlinge wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Aber der Lastenausgleich wird kommen!"

Es geht nicht nur um die 620 000 politischen Flüchtlinge aus dem Auslande; es geht um jene 11 Millionen deutscher Flüchtlinge, von denen sieben Millionen zusammengedrängt im Westen leben, vier Millionen im Osten. Zwei Millionen sind getötet worden, gestorben – auf dem Wege. ‚Möglicherweise leben zehn Millionen Menschen im Nachkriegsdeutschland, die Flüchtlinge auf Grund politischer Entscheidungen geworden sind", stellte der Deutschlandbericht des US-Kongresses zum Marshall-Plan fest. Das Elend dieser mehr als zehn Millionen sei eine Folge des Vertrags von Potsdam, rief Probst Hogsbro aus: "Das Problem hat internationale und nicht nur deutsche Bedeutung, weil es durch internationale Beschlüsse geschaffen wurde ... Entweder werden die Völker das Problem einer gemeinsamen Schuld gemeinsam lösen, oder es gibt für sie keine Zukunft mehr."

Die Tagung hatte viele ausländische Gäste nach Hamburg gebracht, und es zeigte sich –: sie haben die Not begriffen, mehr noch: sie sind erschüttert. "Das einzig wirkliche Kapital, Deutschlands Jugend, ist im Absinken begriffen ... zwar gibt es keinen fünften Stand, einen Flüchtlingsstand, im Sinne einer sozialen Schicht, aber es muß leider gesagt werden, daß der Flüchtling der ärgste Feind des Flüchtlings ist ... Jeder trachtet nach einer Restaurierung seines individuell verlorenen Besitzes ..." So hatte Albertz, Pfarrer und Flüchtlingsminister des Landes Niedersachsen, gesprochen.