Von unserem Korrespondenten in Mailand

Mehr noch als andere europäische Länder ist das rohstoffarme und übervölkerte Italien auf einen weitgestreuten und gut funktionierenden Außenhandel angewiesen. Es ist eine absolute Lebensfrage für das Land, dessen einziges Kapital ein umfangreicher industrieller Apparat und Millionen arbeitsfähiger Hände sind. Wer diese Zusammenhänge kennt, wird die Erleichterung verstehen, mit der die Außenhandelserfolge des vergangenen Jahres in ganz Italien zur Kenntnis genommen wurden.

Während die industrielle Produktion des Landes den Anschluß an den Vorkriegsstand wahrscheinlich noch in diesem Jahre finden wird, haben die italienischen Exporte dieses Ziel bereits 1948 erreicht. Da die Importe nicht im gleichen Maße gestiegen sind, hat sich auch das Handelsbilanzdefizit wesentlich verringert. Es dürfte – die endgültigen Zahlen liegen noch nicht vor – etwa 450 bis 460 Mill. $ betragen gegenüber einer Schätzung am Anfang des Jahres von rund 703 Mill. und 712 Mill. $ in 1947. Von Januar bis November beliefen sich die Einfuhren auf 1340 Mill. $ gegen 917,5 Mill. $ Ausfuhren. Damit decken die Exporte etwa zwei Drittel der Importe gegen nur 50 v. H. im Jahre vorher. Ein besonders erfreuliches und überraschendes Ergebnis brachte der November: Mit 117,7 Mill. $ lag die Ausfuhr sogar über der Einfuhr mit 116,5 Mill. $, ein für italienische Verhältnisse ganz ungewohntes Verhältnis.

Aber nicht nur zahlenmäßig war das Vorjahr für den italienischen Außenhandel ein Erfolg. Wichtiger noch ist die innere Normalisierung, die sich vollzogen hat. Zwei Entwicklungen sind hier besonders wichtig. Erstens: Der Anteil der Rohstoffe an den Gesamtimporten ist von 44 v. H. im Jahre 1947 auf 53 v. H. im Vorjahre gestiegen bei gleichzeitigem Rückgang des Anteils der importierten Halbfertig- und Fertigwaren von 34 v. H. auf 30 v. H., und zweitens: Langsam, aber beständig erweitert sich der Export nach den sogenannten Dollarländern, besonders nach den USA, die heute noch 37 v. H. der italienischen Gesamtimporte liefern gegen fast 45 v. H. 1947 und rund 13 v. H. vor dem Kriege. Die Ausfuhren nach diesen Staaten sind von 11 v. H. auf 17‚3 v. H. des Gesamtexportes gestiegen und erreichen damit fast den Anteil der Sterlingblockländer (18,8 v. H.).

Diese Verschiebung ist um so wichtiger, als eine der Hauptschwierigkeiten des italienischen Außenhandels nach Kriegsende darin bestand, daß die Einfuhren überwiegend aus Dollarländern kamen, während die Ausfuhren vor allem in Staaten des Sterlingblocks gingen:

An der Spitze der Empfängerländer italienischer Waren steht z. 2. Argentinien, dessen Bezüge von 3,5 Milliarden Lire im monatlichen Durchschnitt des ersten Halbjahres 1948 ununterbrochen bis auf 14,6 Milliarden im November gestiegen, sind, gefolgt von den USA, der Schweiz, Großbritannien, Indien, Ägypten, Frankreich, Schweden, Belgien, Deutschland usw. Umgekehrt führen bei den Lieferländern die Vereinigten Staaten vor Argentinien der Schweiz, Australien und Großbritannien. Deutschland, das früher sowohl im italienischen Import als auch im Export einen hervorragenden Platz einnahm, ist nach 1945 stark abgefallen. Sorgen machte im Vorjahr vor allem die Ausfuhr nach der Doppelzone. Sie erreichte im Oktober nur etwas über ein Drittel des Monatsdurchschnitts im ersten Halbjahr, dürfte sich allerdings auf Grund der im vergangenen Monat vereinbarten Lebensmittellieferungen wieder erholen. Erfolgreich war ebenfalls das Bestreben der italienischen Regierung, trotz außenpolitischer Westorientierung die handelspolitische Funktion als Mittler zwischen Ost und West soweit wie möglich wirksam zu erhalten. Der Umsatz mit Osteuropa, dürfte 1948 etwa das Doppelte von 1947 erreicht haben und langsam wieder an den Vorkriegsanteil dieser Staaten am italienischen Außenhandel herankommen.

Vergleicht man die Ergebnisse von 1948 im einzelnen mit den Vorkriegszahlen, so zeigt sich, daß sich die Ausfuhren der Hütten-, Metal- und Maschinenindustrie bereits gegenüber 1938 mehr als verdoppelt haben. Höher sind auch die Exporte an Hanfgarn und Kunstfasergeweben sowie Baumwollgarnen, während Seidengewebe, Mischgewebe, Marmor, Schwefel, Alabaster und Farben die Vorkriegszahlen noch nicht wieder erreicht haben. Rückläufig sind die Auslandslieferungen bei Schreibmaschinen, Fahrrädern und Streichhöi-Bern. Auch der früher bedeutende Handschuh- und Hutexport ist noch nicht wieder richtig ins Geschäft gekommen.