In der englischen Besatzungszone sind seit einiger Zeit merkwürdige Unternehmungen im Gange. Britische Inspektionsoffiziere kommen in Werke der Kautschuk- und der chemischen Industrie und bekunden ein mit ihren eigentlichen Berufsaufgaben kaum zu erklärendes Interesse für die Geschäfts- und Produktions-Interna dieser Firmen. So verlangen sie nicht nur Angaben über die Produktionszahlen und die hergestellten Artikel, sondern auch die Namen der Abnehmer, den Ursprung des in der Fabrik benötigten Materials, sie wollen wissen, welche Firmen es normalerweise liefern, ja sogar nach dem Transport des Materials zur Fabrik oder den Versand von der Fabrik zum Abnehmer erkundigen sie sich: ob die Beförderung auf der Straße, mit der Eisenbahn, mittels Binnenschifffahrt oder auf dem Seewege geschieht.

Wer sich so unverblümt nach Geschäftsgeheimnissen erkundigt, die nur für den ausländischen Konkurrenten von Interesse sein können, nicht für den militärischen Kontrolleur, wahrt nicht einmal mehr den Schein. Oder will man die Fragebogen, die man diesen Firmen vorgelegt hat (wir haben aus ihnen erst einige Fragen herausgegriffen) mit dem Bedürfnis nach militärischer Sicherheit begründen? Sie wurden Firmen übergeben, die Einkochringe herstellen! Es ist einer der neugierigsten Fragebogen, die je zusammengestellt wurden, und das will in diesem Zeitalter der Fragebogen schon etwas heißen. Er fragt nach der beabsichtigten Kapazität der Werke, den geplanten Erweiterungen, den Absatzgebieten in Deutschland und im Ausland; er will Angaben über Kohle- und Stromverbrauch, will wissen, ob kohleverbrauchende Maschinen, Ölmagazine und so fort vorhanden sind, er verlangt Lagepläne der Fabriken mit eingezeichneten Maschinen (in dreifacher Ausfertigung!), wobei die Maschinen mit den Namen ihrer Hersteller gekennzeichnet werden sollen, er verlangt Photographien der Hauptmaschinen oder Apparate, will wissen, ob die Fabrik eine eigene Kraftanlage hat, ob Dampf-, hydroelektrischer oder Dieselbetrieb, will die Kapazität in Kilowatt, Ampere oder PS wissen. Er erkundigt sich nach der Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte und der Arbeitsschichten, dem Zustand der Fabriken, nach "weiteren Einzelheiten von Interesse", nach "besonderen Produktionsschwierigkeiten", kurz, es fehlt nichts, was im Interesse ausländischer Kreise zur Ermittlung deutscher Produktions- und Exportmöglichkeiten gefragt werden kann... Daß es sich nicht etwa um den Obereifer nachgeordneter Instanzen handeln kann, sondern um eine generelle, an zentraler Stelle geplante Aktion, ergibt sich schon aus ihrem Umfang. Solche "Nachprüfungen" fanden in Schleswig-Holstein, in Niedersachsen, im Rheinland, jedenfalls aber nur in der britischen, nicht in der amerikanischen Zone statt.

Warum wohl die Kautschukindustrie in der britischen, nicht aber in der amerikanischen – Zone militärisch gefährlich ist? Man scheint übrigens diese Gefährlichkeit just in dem Augenblick entdeckt zu haben, als in einem Teil der englischen Presse von einem Teilder englischen Geschäftswelt Klagen über die Gefährlichkeit des deutschen Exports in systematisch zunehmender Dosierung erhoben wurden, Die englische Regierung hat sich erfreulicherweise von diesem Korkurrenzgeschrei distanziert und – es sei nicht übersehen – auch eine Reihe seriöser englischer Zeitungen hat den Unfug solcher "Geschäftspraktiken" gerügt. Aber so dankbar wir auch solche offizielle und nichtoffizielle Stimmen begrüßen, nicht nur im Interesse unserer wirtschaftlichen Entwicklung, sondern auch im Sinne unserer gemeinsamen europäischen Aufgabe – was nützt uns die amtliche Einsicht auf der einen Seite, wenn amtlich auf der anderen solche Untersuchungen angeordnet werden? Es ist dringend geboten, daß sich die zuständigen deutschen Stellen mit den maßgebenden Instanzen auf alliierter Seite in Verbindung setzen, damit solche Widersprüche beseitigt werden. In unserer europäischen Kleinstaaterei verwechselt man leider oft das kleinere mit, dem größeren Interesse. Es kommt jetzt auf den Willen zur wechselseitigen Ergänzung an, nicht aber auf kleinliche Konkurrenzfurcht. Die militärische Kontrolle Westdeutschlands ist zur Zeit noch Ausdruck eines gesamteuropäischen Interesses. Nicht aber eine militärisch getarnte Industriespionage! Man wird den Begriff des Gebrauchs der Besatzungsgewalt unter den größeren Aspekten der sich in Westeuropa entwickelnden Internationalität neu definieren müssen. R. S.