Wenn Prof. Erhard, der Regisseur der Geldreform,unmusikalisch ist, so wird es ihm nichts ausmachen, daß die neue Währung dem Musikleben nicht bekommen ist. Die Programme des Konzertwinters waren recht zahm. Man gab alte Stücke für neues Geld und überließ es dem Publikum, sich darüber zu wundern, daß moderne Musik für R-Mark leichter zu haben war. ‚Solide Kunst für-solides Geld!‘, so hieß offensichtlich die Parole. Und: .Wenig Experimente in sparsamen Zeiten!’

Sogar Hans Schmidt-Isserstedt, sonst energischer Avantgardist, dessen Bestrebungen ein großes Publikum stets anerkannte, hat – wie dies besonders in seinem letzten Konzert zutage trat – sein der Moderne zugewandtes Temperament zügeln müssen. Er bot mit seinem glänzend musizierenden Symphonie-Orchester des NWDR glanzvolle Programm-Musik (Sibelius, Dukas) und assistierte mit vorbildlicher Akuratesse dem blendenden, sympathischen Solisten Hermann Godess beim A-dur-Klavierkonzert von Liszt. Aber die Neuheit des Abends enttäuschte arg –: Vaughan-Williams’ 1947 vollendete VI. Symphonie. Dieser in England sehr verehrte, um das ganze Musikleben, sehr verdiente Senior der Komponisten schrieb als 70jähriger Mann eine zwar vitale, stark expressive, doch nervenbelastend schwerfällige, weitschweifende Musik mit Orchestereffekten, die unwillkürlich oft an die Stimmung verfilmter "tragischer" Fieberträume denken ließ, bohrend, quälend, und alles dies obendrein in vorgestrigem Kolorit.

Welche Freude hingegen, jüngst beim Abend der Hamburger Philharmoniker unter Jochum jenes Violinkonzert Strawinskys zu Hören, das nach merkwürdig dürftigem Anfang die Frische einer neuen. Klassizität entfaltet! Der Konzertmeister Hanke spielte es meisterhaft. Und da spielten die Zuhörer denen einen Streich, die das in D-Mark zahlende Publikum dieses einigermaßen müden Konzertwinters unterschätzt hatten: man verlangte eine Wiederholung ausgerechnet des letzten Strawinsky-Satzes. Honny soit qui mal y ferne ... Josef Marein