Von unserem ständigen Londoner Vertreter

Gw., London, im März

Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß alle Engländer heutzutage gut angezogen sind und daß ihr Kleiderstandard dem der Vorkriegszeit, entspräche. Wer sich bei der Urteilsbildung nicht auf das ’Londoner Westend oder auf repräsentative Veranstaltungen beschränkt, sondern den "Durchschnittsengländer" und vor allem die "Durdischnittsengländerin" aufs Korn nimmt, der wird noch große Abstände vom alten Standard finden. Eine doppelte Rationierung ist dafür verantwortlich: die der Punkte und die der Preise.

Wenn jetzt dank der Aufhebung der Punkt-Rationierung für so ziemlich alle Wollstoffe und wegen einiger anderer Konzessionen etwa die Hälfte der Textilien und Bekleidung in England frei zu kaufen sind, so ist man durchaus nicht etwa von der Maxime ausgegangen: "mehr scheinen als sein". Der Grund liegt sehr viel tiefer. Die Textilrationierung hat in England drei Ursachen: Mangel an Rohstoffen, Mangel an Arbeitskräften, Mangel an Dollar und anderen Devisen aus Exporten. Die erste und die dritte Knappheit sind teilweise miteinander verknüpft, jedoch nur teilweise. Denn der Zwang zur Bevorzugung der Exportinteressen vor oft sehr dringenden inländischen Bedürfnissen erstreckt sich ja nicht nur auf die Notwendigkeit, Devisen für die Einfuhr von Textil-Rohstoffen zu beschaffen. Es gilt, den Devisenerlös allgemein zu steigern, um den britischen Einfuhrbedarf an Rohstoffen und Lebensmitteln im Jahre 1952 unabhängig von ausländischer Hilfe befriedigen zu können.

Wollstoffe erlauben unter den erwähnten drei Mangelerscheinungen am ehesten eine Lockerung der Rationierung. Der Rohstoff Wolle ist recht reichlich. Und nicht nur das, er kommt auch ausschließlich ich aus Sterlingländern: Australien, Neuseeland, Südafrika. Im Gegensatz zur Baumwolle ist kein Aufwand an Dollar oder an ägyptischen Pfunden (die ja seit dem Ausscheiden Ägyptens aus dem Sterlingblock zumindest eine halb-harte Währung geworden sind) für den Rohstoff erforderlich. Der Mangel an Arbeitskräften ist ebenfalls in der britischen Wollverarbeitung nicht so ausgeprägt wie in der Baumwollverarbeitung, die mit Leichtigkeit ihre vorhandenen Maschinen besser ausnutzen könnte, wenn sie mehrere Zehntausende zusätzlicher Arbeitskräfte finden würde. Und der Mangel an Devisen schließlich kann gegenwärtig nicht durch erhöhtes Angebot an Wollstoffen behoben werden – was nur eine andere Ausdrucksweise für du Tatsache ist, daß der Export britischer Wollstoffe so ziemlich seinen Höhepunkt erreicht hat. Bei Wollgarnen und bei Strickwaren besteht dagegen noch Hoffnung auf Erweiterung der Ausfuhren; dementsprechend bleiben diese Wollprodukte weiter rationiert.

Die englische Damenwelt ist im diesem milden Winter, der ihren Bedarf an Wollkleidern vermindert, leicht verärgert über die einseitige Bevorzugung der "Herren der Schöpfung". Ihre Hoffnungen, Handelsminister Wilson werde durch Konzessionen für Kunstseidenstoffe den Weg zum "New Look" weniger steil machen, haben sich nicht erfüllt. Die Ursache ist in diesem, Falle der Mangel Nr. 3: der Mangel an Dollar. Die britische Kunstseidenausfuhr hat sich als ein sehr wertvoller Devisenbringer erwiesen. In der Rangliste, der Exportindustrien erscheint sie an zehnter Stelle. Sie wird auch besonders gern auf gutem Platz im Export-Wettrennen gesehen, weil der importierte Rohstoffanteil bei Kunstseiden-, Stoffen und Fertigkleidung sehr gering ist.

Die britische Textilindustrie neigt dazu, die teilweise Beibehaltung der Textilrationierung zu bedauern, teils weil sie das Punktsystem bereits für eine Farce hält, teils weil sie die Rationierung über die Preise für die bessere, Beamten sparende Methode hält. Es wird etwa argumentiert, die Regierung habe es zum Prinzip erhoben, Rationierungen nicht etwa dann aufzuheben, wenn sie überflüssig geworden seien, sondern erst dann, wenn der Druck der öffentlichen Meinung unwiderstehlich werde. Nun ist die Rationierung durch den Geldbeutel bei britischen Textilien zweifellos sehr beträchtlich und in einigem Umfang auch effektiv Gerade hierin liegt jedoch eine soziale Gefahr. Obwohl nur noch ein Monat der laufenden Halbjahrsperiode für Kleiderpunkte in England verbleibt, rechnet man mit sehr erheblichen "Punktreserven" beim Publikum aus Gründen der Textilteuerung. Nicht nur "Luxus"-Textilien, die der Purchase Tax unterliegen, sondern auch die britischen Jedermann-Waren liegen im Preise vielfach um hundert Prozent und mehr über den Vorkriegspreisen. Teuerung der Rohstoffe, Lohnerhöhungen, in einigen Fällen auch geringere Leistung der Betriebe, das sind die Ursachen für die hohen Textiipreise in England.

Trotzdem scheint es dem unabhängigen Beobachter, als ob Handelsminister Wilson nicht ohne Grund zu der Vorsicht neigt, die zweite Hälfte der Rationierung noch beizubehalten. Aus den Klagen der Hausfrauen über ihre noch unvollkommene Ausstattung mit dem New Look und über die bedauerliche Ebbe in ihren Wäscheschränken läßt sich deutlich die "Gefahr" einer Verbrauchssteigerung in Baumwoll-Textilien heraushören. So manche Hausfrau scheint nur auf den Startschuß zu warten, um einen Teil der Familien-Ersparnisse in Bettwäsche usw. zu verwandeln. Und da die Pationierung, soweit sie bestehenbleibt, in England eine "echte" ist, d. h. der Händler seine geschnipselten Punkte nicht in den Papierkorb wirft, sondern als Bezugsrecht gebrauchen muß, und anderseits der Schwarze Markt auch in Textilpunkten in England sehr, sehr schmal ist, erscheint die teilweise Fortsetzung der Rationierung als eine angemessene Rückversicherung für weitere Leistungsdividenden in der Zukunft.